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19.11.2017 : 7:40 : +0100
[Schlußseite der Partitur; zum Vergrößern anklicken]

Markus Hechtle: «screen» für Ensemble mit Verstärker – Werkeinführung

Bis zur Uraufführung hat «screen» einige Entwicklungen und Veränderungen erfahren. Filmisch-theatralische Assoziationen waren der Ausgangspunkt. Rechts und links von einer weißen Leinwand sollten sich die Ensemblemusiker platzieren, jeder mit Mikrofon, also potentiell verstärkbar. Ein Musiker am Mischpult, der jederzeit in den Klang eingreifen kann – nicht mit live-elektronischen Elementen, sondern mit Verstärkung – sollte dabei einen wichtigen Aufführungspart übernehmen, indem er die Instrumentalklänge gewissermaßen auf die konkrete sowie eine imaginäre akustische Leinwand projiziert, den Darstellungsort eines bis ins Extrem dramatisierten Klanggeschehens. Hechtle entschied sich letztendlich dann doch für eine rein musikalische Version, entfernte die weiße Leinwand, veränderte und reduzierte die elektronische Verstärkung.

Der durchgehende Spannungszustand des Stückes wird vor allem von den großen Temposchwankungen und -stauchungen hervorgerufen. Bald nach Beginn tritt mit dem hartnäckig pulsierenden Kontrabass eine nur scheinbar metrische Ordnung ein. Sie wird ständig in neues Licht gerückt, variiert und steht im Widerspruch zur vermeintlichen metrischen Unentschiedenheit des Gesamtablaufs. Das gleißende E-Gitarrensolo erscheint auf diesem schwankenden rhythmischen Boden dann unvorbereitet als neue Ebene, just an jenem Punkt, wo das in sich changierende und gleichzeitig doch starre Pulsieren des Ensembles dem Hörer vertraut zu werden beginnt.
Kaum pausiert die E-Gitarre, trifft sich im permanenten Wechsel von accelerando und ritardando der gesamte Streicherpart mit dem Klavier in drängenden unisono-Akkorden, zu denen bald die Bläser hinzutreten.

Bis zum abrupten Schluss des Stückes dominieren diese crescendo- und decrescendo-Impulse über die sich immer wieder – angefangen von der Klarinette – ein Soloinstrument mit einer melodischen Sechzehntel-Figur hinweg schwingt. Und am Ende? Ein «schreiend» gehaltener Akkord im dreifachen Fortissimo, drängendes Pulsieren des Klaviers, ein plötzlicher Abbruch und eine mit Fermate gehaltene Pause: Stille.

Meret Forster