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23.6.2017 : 19:24 : +0200
Glossar

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John Cage

(*5. September 1912 in Los Angeles; † 12. August 1992 in New York); amerikanischer Komponist der Moderne.

Ein Pianist betritt die Bühne, nimmt am Flügel Platz, schlägt den Deckel auf und wartet. Nach 4 Minuten und 33 Sekunden absoluter Stille schließt der Pianist den Klavierdeckel wieder, erhebt sich und verlässt das Podium. Das verblüffende Stück mit dem Titel 4'33" stammt vom amerikanischen Avantgardisten John Cage. Mit diesem eigenwilligen Werk, das den Zuhörer ratlos zurücklässt, verknüpft der Komponist jedoch ein Anliegen.
"Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen: die Musik, die mir am liebsten ist, und die ich selbst meiner eigenen oder der irgendeines anderen vorziehe, ist einfach das, was wir hören, wenn wir ruhig sind. Damit kommen wir zu meinem stillen Stück zurück. Ich ziehe es tatsächlich allem andern vor."
Cage glaubt, dass es so etwas wie absolute Stille nicht gibt. Man hört immer etwas, auch wenn man meint, es sei still. So veranlasst das Stück 4'33" den Zuhörer, auf Dinge zu hören, die er sonst nicht wahrnehmen würde.
John Cage, der Experimentator und Erneuerer der modernen Musik, hat die Kreativität, den Ideenreichtum und den Wunsch, ganz neue Wege zu gehen, von seinem Vater geerbt, einem Erfinder. John wächst in Los Angeles auf und kann als hervorragender und wissbegieriger Schüler bereits mit 16 Jahren das College besuchen. Der junge Cage studiert auf dem Priesterseminar, um Prediger zu werden. Doch als der 18-Jährige auf einer Europareise mit der europäischen Kultur in Berührung kommt, entschließt er sich, in Paris Musik und Architektur zu studieren. "Zu dieser Zeit hörte ich ein modernes Konzert des Pianisten John Kirkpatrick. Er spielte ein Stück von Strawinsky und einige Stücke von Skrjabin. Das brachte mich zu der Überzeugung, dass ich das auch könne", erzählt Cage.
Auf Mallorca entstehen Cages erste Kompositionen. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten studiert er Musiktheorie sowie moderne und orientalische Musik. Mit 23 Jahren erhält er Kompositionsunterricht von Arnold Schönberg. Er heiratet die Kunststudentin Xenia Kashevaroff, von der er sich zwei Jahre später wieder scheiden lässt. Gleichzeitig lernt er seinen zukünftigen Lebensgefährten, den Tänzer und Choreographen Merce Cunningham kennen. Cage beginnt, sich mit einem der Grundelemente der Musik zu beschäftigen, dem Rhythmus. Er stellt ein Schlagzeugorchester zusammen, dessen Instrumente zunächst aus Dingen des alltäglichen Lebens bestehen wie Blechbüchsen, Flaschen und Blumentöpfen. Für dieses Ensemble komponiert Cage sein erstes Schlagzeugstück First Construction in Metal. Wenig später tourt er mit der Schlagzeugformation durch Amerika. Dabei entsteht aus einer Notsituation heraus eines seiner berühmtesten Erfindungen: das präparierte Klavier. Da eines Tages die Bühne für das gesamte Schlagzeugorchester zu klein ist, muss sich Cage behelfen, um den Abend zu retten. Er montiert Nägel, Schrauben und Gummi auf die Saiten eines Flügels und verwandelt das Instrument auf diese Weise in ein Perkussionsgerät, das die unterschiedlichen Klänge eines ganzen Schlagzeugorchesters ersetzen kann. Die unglaubliche Vielfalt der Klänge veranlasst ihn, mehrere Werke für das präparierte Klavier zu komponieren.
Bedingt durch eine private Krise beschäftigt sich Cage intensiv mit fernöstlicher Religion und Philosophie. Er belegt Kurse eines japanischen Zen-Buddhisten, denn "Zen zu praktizieren heißt, an die Dinge realistisch und letzten Endes humorvoll heranzugehen." Seine neue Einstellung zu Leben und Kunst veranlasst ihn, neue künstlerische Wege einzuschlagen. Angeregt durch die Lektüre des chinesischen Orakelbuchs I Ging beginnt Cage, seine Werke auf der Grundlage des Zufallprinzips zu komponieren. Er wirft Münzen, verwendet Sternenkarten und Unebenheiten im Papier, die als Punkte auf das Notensystem übertragen die Töne der Komposition ergeben. Cage komponiert Imaginary Landscape No. 4 für zwölf Radios, 24 Spieler und einen Dirigenten. Die Interpreten spielen zwar nach bestimmten Anweisungen, das klangliche Ergebnis aber wechselt bei jeder Aufführung, da sich die Radioprogramme ständig ändern.
Cage bekommt Kontakt zu einer Reihe von Musikern, die ähnlich revolutionäre Interessen haben und sich zur Künstlergemeinschaft "The New York School" zusammenschließen. Als er die Weißen Bilder des Malers Rauschenberg sieht, komponiert er das aufsehenerregende Stück 4'33 ". Mit Raüschenberg, Cunningham und dem Pianisten Tudor veranstaltet Cage auch das erste Happening der Musikgeschichte. Der Komponist wird musikalischer Leiter der Cunningham Dance Compagny und Dozent der New Yorker New School for Social Research. Als Cages Freunde 1958 ein Konzert mit Werken des Komponisten veranstalten, kommt ein Stück zur Aufführung, das die Kreativität und die künstlerische Freiheit des Interpreten demonstriert. Das Concerto for Prepared Piano besteht aus 63 losen Blättern und kann in beliebiger Reihenfolge, in jeder Länge und Besetzung gespielt werden.
1958 besucht Cage das erste Mal die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, ein Treffpunkt zeitgenössischer Komponisten. Die revolutionären Ideen des Amerikaners versetzen den Anwesenden einen Schock. Seine ganz neue Art mit akustischen Phänomenen umzugehen, verändert von Grund auf das Denken der europäischen Avantgarde. Cage meidet die großen Konzertsäle und das exklusive Publikum. Er arbeitet lieber mit seinen Freunden zusammen. Dennoch führt das New York Philharmonic Orchestra sein erstes großes Orchesterwerk Atlas Eclipticalis auf. Kritik und Publikum reagieren schockiert. Erst drei Jahre später wagt sich Cage wieder an die große Öffentlichkeit. In seinem Musicircus veranstaltet er vor 4000 Zuschauern ein spektakuläres Musikhappening. Dabei kommen möglichst viele musikalische Aktionen gleichzeitig zur Aufführung.
In seinem Stück HPSCHD, die Abkürzung von Harpsichord (= Cembalo), nimmt Cage nach dem Zufallsprinzip ermittelte Kompositionen unterschiedlicher Musiker seit Mozart und legt sie in 51 Tonbandaufzeichnungen übereinander. Ende der 60er-Jahre benutzt Cage zum ersten Mal auch den Computer für seine Arbeiten. Cages siebzigster Geburtstag wird überall auf der Welt gefeiert, mit Konzerten und Ausstellungen seiner künstlerischen Arbeit, Zeichnungen und grafischen Notationen. 1987 erscheint Cages erstes Stück für das Musiktheater. In Europeras 1 & 2 lässt er zwölf verschiedene europäische Opern in einer Art Collage auf verschiedenen Ebenen bruchstückartig erklingen. Auf diese Weise soll ein Gesamtbild der europäischen Operntradition wiedergegeben werden.
Der Westdeutsche Rundfunk feiert Cages' 75. Geburtstag mit einem Nachtcagetag, einem 24-stündigen Cage-Programm, bei dem der Komponist selbst mitwirkt. Am 12. August 1992 ist John Cage mitten in den Vorbereitungen zu seinem 80. Geburtstag in New York gestorben. Als Cage 1979 vom Südwestfunk den Karl-Scuka-Hörspielpreis erhielt, formulierte er in seiner Dankesrede sein musikalisches Anliegen:
"Ich war schon lange zuvor zu dem Schluss gekommen, dass der Sinn der Musik darin besteht, den Geist zu ernüchtern und zu beruhigen, um ihn so für göttliche Einflüsse empfänglich zu machen. Das ist der traditionelle Grund, Musik zu machen, und ich habe ihn, seit ich ihn kenne, immer akzeptiert."
Diese fernöstliche Einstellung erlaubt dem einfallsreichen Künstler Cage, alle akustischen Phänomene als Musik zu deuten, den Lärm wie die Stille.