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21.8.2017 : 8:43 : +0200
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Karlheinz Stockhausen

[Photo: Florence Homolka]

(*22. August 1928 in Mödrath bei Köln; † 5. Dezember 2007 in Kürten-Kettenberg); deutscher Komponist der Moderne.

Der große Schöpfer neuer Klangwelten, Erneuerer und Experimentator der neuen Musik wird 1928 in einem Dorf bei Köln geboren. Er verliert im Zweiten Weltkrieg beide Eltern und kommt als 13-Jähriger in ein Internat. In den letzten Kriegstagen wird der junge Stockhausen noch im Lazarettdienst eingesetzt. Nach dem Abitur beginnt der 19-Jährige in Köln zu studieren, Schulmusik und Klavier an der Musikhochschule, Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft an der Universität. Schon während des Studiums komponiert der hochbegabte Stockhausen Chöre, zu denen er auch den Text verfasst.
Mit 23 Jahren heiratet er Doris Andreae. Im gleichen Jahr wird bei den Darmstädter Ferienkursen für neue Musik, einem Treffpunkt der europäischen Avantgardekomponisten, sein erstes größeres Werk, Kreuzspiel, uraufgeführt. Diese aufsehenerregende Komposition macht Stockhausen auf Anhieb zu einem der maßgeblichen Vertreter der zeitgenössischen Musik in Deutschland. Bei der gleichen Veranstaltung hört er die Komposition Mode de valeurs et d'intensités des Franzosen Messiaen. Stockhausen ist tief beeindruckt von diesem seriellen Werk und beschließt, nach Paris zu gehen, um bei Messiaen weiter zu studieren. Zeitlebens bleibt Stockhausen der seriellen Musik verpflichtet. In der französischen Hauptstadt lernt er den Komponisten Pierre Schaeffer und dessen "musique concrète" kennen, eine Musik, die mit Geräuschen arbeitet. Um für seine Kompositionen mit elektroakustischen Geräuschen und Klängen arbeiten zu können, wird er Mitarbeiter am Studio für Elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks. Hier entstehen auch seine ersten bedeutenden Kompositionen mit elektronischer Musik, Studien I und II.
Stockhausen beginnt, sich mit den Möglichkeiten der "Musik im Raum" auseinanderzusetzen. Mit seiner Komposition Gesang der Jünglinge verwirklicht er das erste Mal sein Konzept der "Raumkomposition". Stockhausen arbeitet dabei mit fünf Lautsprechern, die im Raum verteilt sind. In den 60er-Jahren entwickelt der experimentierfreudige und kreative Musiker seine Idee von der "Intuitiven Musik", die nach der Vorstellung des Komponisten Versenkung, Anbindung an das Universum, ans Göttliche, an den mystischen Urgrund sein soll. Sein Stück Stimmung ist für ihn meditative Musik.
"Die Zeit ist aufgehoben. Man horcht ins Innere des Klanges [...] ins Innere eines Vokals. Ins Innere. Feinste Schwebungen, kaum Ausbrüche alle Sinne sind wach und ruhig. In der Schönheit des Sinnlichen leuchtet die Schönheit des Ewigen."
Sein Stück Aus den sieben Tagen besteht nur aus Texten, die den Spieler einstimmen sollen auf ihre frei improvisierte intuitive Musik. "Denke nichts, fordert der Komponist von den Ausführenden. Warte, bis es absolut still in Dir ist. Wenn Du das erreicht hast, beginne zu spielen. Sobald du zu denken anfängst, höre auf und versuche den Zustand des Nichtdenkens wieder zu erreichen. Dann spiele weiter." Die Zuhörer, die sich mithilfe der meditativen Musik "auf die inneren Schwingungen konzentrieren sollen", liegen ausgestreckt auf dem Boden und lauschen mit geschlossenen Augen den Klängen der Instrumentalimprovisationen, die aus riesengroßen Lautsprechern tönen. Alles ist dunkel, nur die Interpreten stehen im gleißenden Licht der Punktscheinwerfer. Stockhausen versteht sich als universeller Geist. Seine Musik soll etwas Weltumspannendes haben. In Telemusik versucht der innovative Komponist, einem alten und immer wiederkehrenden Traum näherzukommen. "Ich will nicht meine Musik schreiben, sondern eine Musik der ganzen Erde, aller Länder und Rassen", erläutert er seine Komposition. In diesem Stück, das er "dem japanischen Volk" widmet, verschmilzt er Musik aus aller Welt durch elektronische Verarbeitung zu einer neuen Einheit: Gagaku, Klänge vom japanischen Kaiserhof, und Gesänge buddhistischer Mönche, Musik aus Bali und der Sahara, aus Spanien und vom Amazonas, aus China, Ungarn und Vietnam. Zur Zeit der Weltausstellung in Osaka, bei der im deutschen Kugelpavillon über eine Million Zuschauer Stockhausens Musik hören, ist der Avantgardist auf dem Höhepunkt seiner Komponistenkarriere. Der 43-Jährige wird zum Professor für Komposition an die Kölner Musikhochschule berufen. Stockhausen beschäftigt sich nun mehr und mehr mit kosmischen und spirituellen Fragen. Er entwickelt eine Art Privatreligion. Er komponiert das Stück Sirius und erklärt, auf diesem Stern Gast gewesen zu sein. "Ich bin auf Sirius ausgebildet worden und will dort auch wieder hin, obwohl ich derzeit noch in Kürten bei Köln wohne. Auf Sirius ist es sehr geistig. Was man hier als Publikum kennt, passive Beisitzer, gibt es dort gar nicht. Da ist jeder kreativ."
Mit 49 Jahren gibt Stockhausen seine Professur auf, um sich ganz seinem musikalischen Hauptwerk zu widmen, Licht – Die sieben Tage der Woche. Der esoterische Musiker berichtet:
"Seit 1977 komponiere ich ein musikdramatisches Werk in sieben Teilen. Jeder Teil hat den Namen eines Wochentages, und jeder Wochentag ist ja bekanntlich nach Lichtkörpern Sonne, Mond, Planeten  benannt. Licht versucht, den Wochentagen einen neuen Sinn zu geben." Es sind sieben abendfüllende Opern, die neben einem Wochentag auch einen bestimmten Charakterzug und eine bestimmte Farbe verkörpern wollen. Stockhausen kleidet sich auch seither in dieser bestimmten Tagesfarbe, nämlich montags grün, am Dienstag rot, mittwochs gelb usw. Die
Hauptpersonen dieser Bühnenwerke sind der Erzengel Michael, der Teufel Luzifer und Eva, Figuren, die jeweils das Göttliche, das Böse und das Fruchtbare verkörpern und durch einen Sänger, einen Instrumentalisten und einen Tänzer dargestellt werden. Zwischen 1977 und 2005 komponiert Stockhausen einzig und allein an diesem Mammutwerk. Inzwischen liegen die verschiedenen Licht-Tage mit weit mehr als 300 auch einzeln aufführbaren Kompositionen vor, darunter Michaels Reise um die Erde, Weltparlament und Helikopter-Streichquartett.
In seinem Wohnort Kürten bei Köln hat Stockhausen eine Stiftung ins Leben gerufen. Ihm schwebt vor, für die Aufführung seiner Sieben Tage sieben Gebäude errichten zu lassen. Dort sollen jeweils alle zwei Monate des Jahres einzelne Teile seines Zyklus aufgeführt werden. Alle sieben Jahre jedoch sollen die gesamten sieben Teile erklingen. Viele seiner Freunde und Weggefährten sind mit dem eingeschlagenen Weg des exzentrischen Komponisten nicht mehr einverstanden. Die meisten Opernhäuser weigern sich, Teile aus seinem "Jahrhundertwerk" aufzuführen. Doch Stockhausen selbst ist von seiner Mission fest überzeugt, denn er versteht sich als Medium einer göttlichen Welt. "Ich habe unzählige Male gesagt und geschrieben, dass ich nicht die Quelle meiner Musik, sondern Gott dankbar bin, wenn mir Musik einfällt und durch mich in diese Welt kommt."