Sie sind hier: Musicademy / Abenteuer Neue Musik / «KADENZES»
24.5.2017 : 8:06 : +0200

Carsten Hennig: «Kadenzes»

Werkeinführung

Kadenzes – 13 Fälle für Frauenstimme und Ensemble entstand im Jahre 2001.

Wie in den meisten seiner Kompositionen sucht Hennig auch in Kadenzes eine erzählende Perspektive. Er komponiert musikalische Strukturen, die der Logik des Erzählens folgen und die den Klang mit Bedeutung aufladen.

Das eigentliche Thema der Kadenzes ist das Fallen in all seinen – musikalischen und außermusikalischen – Facetten. Es geht Hennig dabei um die «Semantik des Klangs», um akustische Chiffren und Archetypen des Fallens. Vom Straucheln und Taumeln über den Sturz bis zum Verschwinden spielt Hennig alle denkbaren Fälle des Falls durch. Die Musik haucht sich im Diminuendo aus, verflüchtigt sich im Ritardando, lebt sich vor allem aber in bodenlosen Glissandi und abwärts stolpernden Läufen aus, die Hilf- und Haltlosigkeit suggerieren. Aber man fällt natürlich nicht ohne Fallhöhe, und deshalb müssen immer wieder Materialien geschichtet und «aufgetürmt» werden, «bis sie die Welt verdunkeln.» In ihrem Höhepunkt gegen Ende des Werkes ergießt sich die Musik dann in einer «Niagarafall-Situation, in der wirklich alles den Bach runter geht.» (Hennig)

Die Protagonistin des Stückes ist eine in mehrfacher Hinsicht Gefallene: sie ist von Verlustängsten gebeutelt und sozial isoliert. Die Sängerin steht bei der Aufführung auch deshalb vor dem – oder besser: außerhalb des Ensembles. Sie wird auch räumlichen ausgegrenzt. Die Instrumente begleiten die Sängerin aus der Distanz, stützen sie gelegentlich, kommentieren ihr Schicksal oder fallen empathisch mit ihr herab.

Einen Zug ins Surrealistische verleiht Hennig dem Stück, indem er in dem von ihm selbst verfassten «Libretto» frei zwischen den Sprachen optiert und deutsche, englische und französische Homophone über jede Wortbedeutung hinweg aneinander kettet: fallen, ich fiel, I feel, je suis felée. «Gesuchte Fehler» nennt er diese Wortspiele, in denen das erratische Irren der Protagonistin ihren Ausdruck findet, die vor allem aber den Bedeutungsraum des Werks weiten und der Partitur etwas Verspieltes, Freies verleihen. Schon der Titel ist deshalb, halb Deutsch, halb Englisch, als «Kauderwelsch» angelegt, um das Mehrschichtige und das Irrationale im Werk anzudeuten.

Björn Gottstein