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25.4.2019 : 5:55 : +0200

Carsten Hennigs Werke und Ästhetik

Hennigs Interesse gilt den grundlegenden Erfahrungen der menschlichen Existenz. Fast möchte man ihn einen Phänomenologen nennen, der Konstanten unserer Wahrnehmung und unseres Verhaltens musikalisch ausleuchtet. Ästhetik wird in einem so profanen wie profunden Sinne als Aisthesis verstanden. Gleichzeitig geht auch Hennig vom Materialstand der Gegenwart aus. Er knüpft ganz selbstverständlich an die Errungenschaften der Avantgarde an. Auch dadurch gewinnt die Auseinandersetzung mit ganz klassischen Figuren und Topoi an Bedeutung, dass Hennig ihnen nämlich mit den Mitteln der Gegenwart auf eine bislang nicht da gewesene Weise begegnet. Zu den Themen, mit denen er sich klangphänomenologisch auseinandergesetzt hat, gehören zum Beispiel die Bewegungsmuster chaotischer Naturereignisse wie Sandstürme oder Tierschwärme, die er in dem Orchesterwerk Massen (2005) in eine avantgardistische Tonsprache übersetzt.

Man könnte Hennigs Ansatz auch als empirische Ästhetik bezeichnen. Hier wird nicht eine in sich stimmige und schlüssige Theorie entworfen, der die Realität sich dann zu beugen hat, sondern die theoretische Überlegung wird aus den Tatsachen der Welt abgeleitet, in dem Wunsch, dass Kunst und Welt konvergieren. Der Hörer ist da – mit seinen kognitiven Fähigkeiten, seiner Reizempfänglichkeit, seinem sozialisierten Ohr – ein wichtiges Korrektiv, das sich aber komponierend nicht vollends beherrschen lässt, sofern sich die Frage, «welches Maß an Komplexität einer Werkidee konstruktiv zugute kommt», immer wieder aufs Neue stellt.

Hennig entwickelt die Gestaltungsprinzipien seiner Werke jeweils aus spezifischen Fragestellungen und Entstehungsumständen heraus. Oft wirken sich die Besetzung, der Aufführungszusammenhang oder das Sujet entscheidend auf die Ausarbeitung des Werkes aus. Die den Kompositionen zugrunde liegende Ideen sind mithin nicht Programme im Sinne einer äußerlichen Beschreibung, sondern Konzepte, die sich bis in die Parameter der musikalischen Gestaltung hinein auswirken. Ein in dieser Hinsicht besonders anschauliches Beispiel sind die Aperioden mit 7 Faltungen aus dem Jahre 2004, bei denen alle Gestaltungsebenen vom einzelnen Ton bis zur Gesamtform aus dem Prinzip einer unregelmäßigen Schwingung abgeleitet werden.

Ein anderes Beispiel ist das 2000 entstandene Orchesterwerk synonym, das auf eine ungleichgewichtige Besetzungen im Orchester zurückgeht. Hennig trug dem perkussiven Übergewicht des Ensembles, der Kammerphilharmonie Bremen, Rechnung, indem er das Phänomen Rhythmus in den Mittelpunkt seiner kompositorischen Arbeit stellte. In synonym wird das dem Rhythmus zugrunde liegende Modell «Impuls-Stille» vielfältig variiert und ausgedehnt, indem das Modell schließlich nicht mehr nur auf den Rhythmus, sondern vielmehr auch auf die Klangfarbe angewandt wird. Die Besetzungsvorgabe hat auch die Idee zu dem Stück Ausflug nach Sing-Sing in 3 Gruppen mit Rotationen von 2002 maßgeblich geprägt. Hier stehen sich drei Instrumentengruppen gegenüber – a) die Tenuto- oder Glissandoinstrumente, b) die Impulsinstrumente und c) die Blasinstrumente, die im Verlauf des Stückes «rotieren», die sich vermischen und dabei die ihre spezifischen Eigenschaften und die vermeintlichen Unvereinbarkeiten aufgeben.

Die wichtigste Eigenschaft seiner Werke ist wohl die, dass sie sich mitteilen. Was den Tönen widerfährt, lässt sich vom Hörer nachvollziehen, und zwar auf einer ganz unmittelbaren Ebene. Nicht zuletzt infolge seiner Erfahrungen mit Film- und Theatermusik hat Hennig ein besonderes Gespür für die Dramaturgie eines Werks entwickelt, sodass nicht nur seinen beiden Kammeropern eine erzählende Perspektive oder ein szenischer Zusammenhang zugrunde liegt, sondern auch dem Konzertstück Kadenzes von 2002, bei denen die Protagonistin die musikalisch

Björn Gottstein