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19.4.2019 : 7:05 : +0200

[Beisp 6 aus Brahms’ Deutschem Requiem]

Glossar

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Verfolgen von kontrapunktischen Stimmen

Der vorliegende Ausschnitt aus Brahms’ Requiem (Beispiel 6) ist polyphon komponiert, d.h. man muss mehrere gleichwertige Stimmen entweder im Wechsel (ohne den Anschluss zu verlieren) oder gleichzeitig verfolgen können. Doch das auf den ersten Blick so übervolle Notenbild lichtet sich bald, wenn man sich die Partitur näher auf parallele Stimmen ansieht. Brahms ordnet z.B. jeder Chorstimme Orchesterstimmen zu. Das hat zur Folge, dass hier zwar viele Stimmen notiert sind, aber wesentlich weniger eigenständige Stimmen tatsächlich erklingen. Die vielen geschriebenen Noten lassen sich also auf ein überschaubares Maß reduzieren.

So werden Flöte, Klarinette, erste Violinen und Sopran parallel geführt. Des Weiteren wird der Tenor von Oboe und Bratsche mit einer stark erweiterten, aber dennoch parallel verlaufenden Stimme unterstützt. Ebenfalls fast ganz parallel verlaufen Violoncelli und Fagotte. Zu den polyphon gefügten Stimmen erklingen die tiefen Bläser und Streicher sowie die Pauke mit Füllstimmen, welche lediglich aus Liegetönen (ausgehaltene Töne) bestehen. Sie braucht man beim ersten Lesen nicht weiter zu verfolgen. Im Ganzen gesehen bietet sich in diesem Ausschnitt an, schwerpunktmäßig die Sopranstimme zu verfolgen, da sie mit zwei Instrumenten gekoppelt ist und als höchste Stimme gut herauszuhören ist. Zudem bietet der Text eine Orientierungshilfe, so dass der Wiedereinstieg von vorübergehenden Ausflügen in andere Stimmen erleichtert wird. Bei fugierten Abschnitten kann man sich das Mitlesen auch erleichtern, indem man zunächst alle Einsätze des Themas in der Partitur sucht und sich markiert.