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15.11.2019 : 6:46 : +0100

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«Symphonie Fantastique»
V. Songe d’une Nuit du Sabbat, Takt 1-114]

Slovak Radio Symphonic Orchestra, Pinchas Steinberg (Conductor)
Zur Verfügung gestellt von der NAXOS Music Library.

Glossar

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Berlioz: Symphonie Fantastique

op. 14

Berlioz schrieb das erste seiner Hauptwerke, die Symphonie fantastique, 1830, im Alter von 26 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben verbanden sich gewisse starke Eindrücke musikalischer und literarischer Art mit persönlichen Erlebnissen, die in die Schöpfung einer groß angelegten Komposition von unübertroffener Originalität gipfelten. Berlioz’ Geist – ein stets forschender, für Eindrücke empfänglicher, feuriger und romantischer Geist – war ein wahrer Strudel von Ideen, aus dem der Komponist die Fäden einer Sinfonie in fünf Sätzen zog, die stilistisch und in der Konzeption kühn war, und sich als äußerst einflussreich auf die Entwicklung der Musik des neunzehnten Jahrhunderts erwies.

Berlioz gab dem Werk ursprünglich den Titel Épisode de la vie d’un artiste, und sein autobiographischer Inhalt ist von grundlegender Bedeutung. Er enthält die Beschreibung der Liebe des Künstlers für eine Frau, durch die er zur höchsten Lust und zur tiefsten Verzweiflung, zu größter Hoffnung und zu größter Angst getrieben wird. Außerdem ist das Werk eine «Fantasie-Sinfonie», welche den Traum des Künstlers darstellt, in dem er seine Geliebte erst getötet hat und nun dafür zur Hinrichtung geführt wird; schließlich treffen sich die beiden bei einem Hexensabbat. Berlioz schrieb ein Programm, um diesen Inhalt zu erklären, und er verlangte, dass es bei jeder Aufführung des Werks unter das Publikum verteilt werden sollte (siehe unten).

Im September 1827 sah Berlioz zum ersten Mal die irische Schauspielerin Harriet Smithson. Charles Kemble hatte sie mit einer Schauspielertruppe nach Paris gebracht, wo sie im Odéon-Theater Shakespeare spielte. Der doppelte Eindruck – Shakespeare und ihre Schauspielkunst – wirkte überwältigend auf ihn und in seinen Memoiren erzählt er davon, wie er monatelang im Zustand des Deliriums in den Straßen umhergeirrt war, ohne die Qualen einer Leidenschaft ertragen zu können, die ihm hoffnungslos erschien. Sein Empfindungsvermögen wurde dann noch von zwei weiteren Eindrücken heftig betroffen; er entdeckte Goethes Faust und Beethovens Sinfonien. Für den Kessel, in welchem diese Eindrücke zusammengebraut worden waren, war im Frühling 1830 die Zeit gekommen, ein groß angelegtes Werk zur Welt zu bringen, in dem Shakespeare, Goethe, Beethoven und Harriet Smithson (deren Kaltherzigkeit Enttäuschung und Verzweiflung verursacht hatten) alle aufzufinden waren.

Schon im Juni 1829 hatte er Folgendes geschrieben: «Noch bin ich unbekannt. Aber wenn ich eine kolossale Instrumentalkomposition fertig geschrieben habe, mit der ich jetzt beschäftigt bin, habe ich vor, nach London zu gehen, um sie dort aufzuführen. Lasst mich einen Erfolg erringen, vor ihren eigenen Augen!» Am 6. Februar 1830 schrieb er: «Ich war dicht daran, meine große Sinfonie anzufangen – Ich habe alles im Kopf, aber ich kann nichts niederschreiben – Wir müssen abwarten.» Am 16. April teilte er seinem Freund Ferrand mit, dass er gerade die letzte Note aufs Papier gesetzt hätte; außerdem gab er ihm das ganze ausführliche Programm. Einen Monat später wurde das Werk in einer Probe unter der Leitung von Nathan Bloc ausprobiert, aber das Durcheinander war dabei derartig, dass keine Aufführung zustande kam. Die Uraufführung fand am Sonntag, den 5. Dezember 1830 im Konservatorium unter der Leitung von Habeneck statt, der erst zwei Jahre vorher Paris mit den Sinfonien Beethovens bekannt gemacht hatte.

Berlioz hat angegeben, dass dieses Konzert außerordentlich erfolgreich war, doch machte die Sinfonie erst zwei Jahre später einen tiefen Eindruck, nachdem er, während seines Aufenthalts in Italien als Stipendiat des Instituts, eine ausführliche Revision vorgenommen hatte, die vor allem den zweiten und dritten Satz betraf. Er hatte dann auch eine Fortsetzung, Le retour à la vie, später Lélio genannt, geschrieben, in der geschildert wird, wie sich der Künstler, zum großen Teil dank der heilenden Kraft der Musik, mit dem Leben abfindet. Am 9. Dezember 1832 wurden beide Stücke zusammen in einem Konzert aufgeführt, bei dem Harriet Smithson zugegen war. Sie und Berlioz wurden danach einander vorgestellt, und bevor ein Jahr vergangen war, hatten sie schon geheiratet.

Hugh Macdonald
Übersetzung: Stefan de Haan

Programm vierter Satz: March au Supplice (Gang zum Schafott

In der Gewissheit, dass seine Liebe nicht erwidert wird, vergiftet sich der Künstler mit Opium. Die Dosis ist jedoch zu schwach, um ihn umzubringen, und so fällt er stattdessen in einen Schlaf, der von den fürchterlichsten Visionen begleitet ist. Er träumt, dass er seine Geliebte getötet hat, dafür zum Tode verurteilt und zum Schafott geführt wird und seiner eigenen Hinrichtung beiwohnt.

Der Trauerzug bewegt sich zu den mal düsteren und wilden, mal strahlenden und feierlichen Klängen eines Marsches voran, in dem das dumpfe Geräusch XIII schwerer Schritte übergangslos auf größten Lärm folgt. Am Ende des Marsches erscheinen die vier ersten Takte der idée fixe wieder wie ein letzter Gedanke an die Liebe, der mit dem Todesstoß abbricht.

Hector Berlioz