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18.6.2019 : 16:56 : +0200

Ganztonleiter

Die Ganztonleiter unterteilt die Oktave in sechs gleiche Ganztöne. Sie enthält also einen Ton weniger als die Dur- und Moll-Tonleitern. In der europäischen Notenschrift ist die Ganztonleiter nicht exakt abzubilden, weil man zum Einen zwölf gleiche Intervallschritte, zum Anderen aber auch den ersten und letzten Ton als eine Oktave hört. Beidem kann man in der Notation mit dem Fünf-Linien-System nicht gerecht werden. Denn notiert man sechs große Sekunden von dem Ton c aus aufwärts, dann endet man auf dem Ton his. Um dennoch auf der Oktave, also dem Ton c, enden zu können, nimmt man an irgendeiner Stelle in der Skala eine enharmonische Verwechslung vor. Man notiert also eine verminderte Terz anstelle einer großen Sekunde, obwohl man diese verminderte Terz nicht als solche hört.

[1.10.13. Klicken Sie auf die Tonleiter, um sie zu hören.]

Der Grund für das Dilemma der Notation liegt darin, dass die Ganztonleiter ihren Ursprung nicht in der europäischen Musik, sondern in der Gamelan-Musik Indonesiens, also in einem anderen Kulturkreis hat. Ein Gamelan-Orchester war in Europa erstmals 1889 auf der Pariser Weltausstellung zu hören. Diese vollkommen anders organisierte Musik beeindruckte viele europäische Musiker, u. a. auch Claude Debussy. 

Debussy war auf der Suche nach einer Musiksprache, die harmonisch nicht mehr funktional organisiert sein sollte, wie die Dur- und Moll-Tonarten, sondern die in einem harmonischen Raum verweilen konnte. Da kam ihm die Ganztonleiter (wie auch die pentatonische) Tonleiter entgegen, weil sie keine Halbtonschritte enthält und somit jede leittönige Assoziation ausschließt. Für Debussy wurde sie zu einem prägenden kompositorischen Mittel für den sogenannten impressionistischen Stil, nachdem Franz Liszt und Nikolai Rimski-Korsakow bereits vereinzelt Ganztonleitern für spezielle «magische» oder «exotische» Effekte in ihrer noch weitgehend Dur-Moll-tonal verhafteten Programmmusik eingesetzt hatten.