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18.8.2019 : 10:51 : +0200
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Carsten Hennig: «Kadenzes»

13 FÄLLE FÜR SINGSTIMME UND ENSEMBLE  im Unterricht

Genau so fange auch er an zu arbeiten, pflichtet der Komponist bei, mit einer elementaren, einfachen Bewegung nämlich. Die Klasse 9 hatte sich im Musikunterricht warm gemacht, hatte sich allmählich erhoben und gestreckt, um nach den Sternen zu greifen und war jäh wieder abgestürzt, war sprunghaft emporgeschossen und taumelnd gen Abgrund geglitten.

Die Gesten dieser Übung waren natürlich nicht zufällig gewählt, sondern sollten vorbereiten auf ein Stück, das mit eben diesen Bewegungsmustern zu tun hat: Kadenzes – 13 Fälle für Frauenstimme und Ensemble von Carsten Hennig. (Hörbeispiele finden Sie im «Hörraum».) Das Thema dieses Stücks ist das Fallen – als Figur, als eine musikalische Floskel oder gar als Schicksalsschlag. Die Protagonistin des Stückes, die Sopranistin, ist eine in mehrfacher Hinsicht Fallende und Gefallene. Sie fällt zum Beispiel musikalisch-körperlich; gleich die ersten Töne wecken den Eindruck des Strauchelns und Stürzens. Sie wird aber auch von Verlustängsten gebeutelt und ist sozial isoliert, «wie jemand, der Drogen nimmt und dann unter dem Entzug leidet, aber auch darunter, dass sie aus den gesellschaftlichen Konventionen herausfällt» (Hennig).

Hennig hat diese vielfältigen Situationen, die «13 Fälle», anschaulich umgesetzt – mit Tönen, aber auch mit seinem mit Wortspielen gespickten Libretto, so dass es der Schulklasse leicht fällt, sich der Musik über Bilder und Geschichten zu nähern. Von einem Überfall ist da bei den Schülern die Rede, von einer wilden Achterbahnfahrt oder einer Gefangenen, die vor ihrem Sprung in die Freiheit steht. Auch wenn sich das Stück in solchen Assoziationen natürlich nicht erschöpft, kommen sie der Musik doch sehr nahe. Es sei auch ihm um eine spannende Geschichte, um eine lebensnahe und existenzielle Situation gegangen, stützt Hennig die Interpretationsversuche der Schüler, auch wenn er sich natürlich nicht auf ein bestimmtes Handlungsschema festlegt.

Ein Glücksfall für den Unterricht ist Hennigs Kadenzes auch deshalb, weil sich das Sujet des Fallens über die ganze Musikgeschichte hinweg nachvollziehen lässt und zum Beispiel auch im Zusammenhang mit dem Anfang der Sonate Pathétique von Beethoven oder dem Sisyphos-Mythos gebracht werden kann. Gleichzeitig fällt es den Schülern leicht, eigene musikalische Ideen zu entwickeln. Sie erfinden kleine Performance-Elemente und improvisieren gemeinsam über den Verlauf einer Börsenkurve, um mit ihren Instrumenten nicht einfach auf- und abwärts zu gleiten, sondern auch Intensitäten des Glücks und der Trauer in die Musik hineinzulegen. Die Schüler kommen dabei, wie der Lehrer Francois Förstel ganz richtig beobachtet, von ganz allein auf Klanglichkeiten, die denen der neuen Musik ähneln.

Alle genannten Aspekte haben wesentlich dazu beigetragen, den Schülern den Zugang zu Carsten Hennigs Kadenzes nicht nur zu erleichtern, sondern als ganz und gar unproblematisch zu gestalten. Die Möglichkeit, der Musik als Bewegung, als Geschichte oder als Ausgangspunkt der eigenen musikalischen Aktivität zu begegnen, ließ keinen Raum für vorurteilsbeladene Ablehnung. Natürlich hat auch die Anwesenheit des sympathischen und aufgeschlossenen Komponisten seinen Teil dazu beigetragen. Die Schüler haben nicht nur gelernt, dass auch Komponisten Menschen sind, die sich morgens die Zähne putzen und nachmittags mit ihrer Tochter auf den Spielplatz gehen, sondern haben wohl auch begriffen, dass das, was Hennig in Kadenzes musikalisch schildert, kein abgehobenes und abstraktes Geplänkel, sondern authentisch und echt empfunden ist.

Björn Gottstein