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19.2.2019 : 10:35 : +0100

Tempo

Das Tempo eines Musikstücks hängt nicht allein von Metrum, Takt und Rhythmus ab, sondern in besonderem Maße von der Dichte der Harmoniewechsel und dem Dissonanz-Reichtum der Harmonien. Im langsamen Satz von Beethovens Klaviersonate op. 2.3 z. B. wechseln die Harmonien z. T. mit jeder Sechzehntel. Und am Beginn seiner Klaviersonate op. 81a «Les Adieux» lässt der ungewöhnliche Reichtum der Harmonik nur ein sehr gemäßigtes Tempo zu, um noch allen harmonischen Bewegungen differenziert folgen zu können.

[1.4.1. aus L. v. Beethoven, Klaviersonate op. 2.3 C-Dur (Alfred Brendel) und
L. v. Beethoven, Klaviersonate op. 81a «Les Adieux» Es-Dur (Garrick Ohlsson) | mit freundlicher Genehmigung von NAXOS]

Je schneller hingegen ein Musikstück gespielt wird, umso mehr orientiert sich das menschliche Ohr am melodischen Fluss. Deshalb sind die Harmoniewechsel schnellerer Musik in der Regel großflächig gesetzt. Die harmonische Einfachheit des galanten Stils in der ersten Hälfte des 18. Jh. ermöglichte überhaupt erst das sehr rasche, virtuose Presto.

[1.4.2. aus Antonio Vivaldi, Le quattro Stagioni, «L‘Estate» (Australian Brandenburg Orchestra) | mit freundlicher Genehmigung von NAXOS]

Auch die Größe der Besetzung, die klangliche Beschaffenheit der Instrumente, die Raumakustik sowie der Inhalt eines gesungenen Textes beeinflussen das Tempo. Daher stehen die seit dem 18. Jh. allgemein gebräuchlichen Tempoangaben wie Adagio, Andante oder Allegro nicht für absoluten Werte, sondern sind Charakterbeschreibungen, die bisweilen auch durch ein „molto“, „con brio“ oder „ma non troppo“ ergänzt und differenziert werden.
Um das Tempo dennoch genauer festzulegen verwenden Komponisten seit dem 19. Jh. Metronomangaben, die die genaue Anzahl der Taktschläge pro Minute anzeigen. Allerdings ist zu bedenken, dass Tempoangaben, die in der Vorstellung, also beim inneren Hören einer Partitur angemessen erscheinen, sich beim Musizieren zumeist als zu schnell erweisen. Deshalb setzen Komponisten in der Phase der Einstudierung eines Werkes häufig ihre Metronomangaben herab.
Eine weitere Möglichkeit, das Tempo festzulegen, hat Béla Bartók eingeführt, indem er am Ende von Abschnitten eines Musikstückes eine Angabe der jeweiligen Aufführungsdauer setzte.

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