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24.2.2019 : 4:07 : +0100

Phrasierung

Man stelle sich vor, ein Roman wäre Buchstabe an Buchstabe ohne jede Form von Punktion geschrieben. Kaum einer würde den Inhalt begreifen und auch nur die zweite Seite des Buches erreichen. Oder man betrachte ein pointilistisches Gemälde z. B. von Georges Seurat aus der Nähe: Nichts außer einer Vielzahl von farbigen Punkten teilt sich einem mit. Die Komplexität des Wahrgenommenen ist für uns nicht reduzierbar, wir verstehen nicht.
Komplexe Erscheinungen können vom Menschen nur dann «begriffen» werden, wenn sie der Konstitution des menschlichen Wahrnehmens entsprechen. Begreifen geschieht durch Artikulieren, d. h. durch das Schaffen von Sinnzusammenhängen, von Struktur. Buchstaben werden zu Wörtern gruppiert, Wörter fügen sich zu Sätzen, Sätze zu Absätzen, Absätze zu Kapiteln – und so kann auch ein mehrere hundert Seiten umfassender Roman fesseln.
In der Musik bezeichnet man allgemein das Bilden von strukturierenden Sinnzusammenhängen als Phrasierung. In der Praxis reduziert sich der Begriff meistens auf das sinnstiftende Gestalten einer melodischen Linie. Phrasierungsbögen zeigen in der Partitur die melodischen Phrasen an.

[1.4.6. aus Franz Schubert, Sinfonie Nr. 9 h-Moll «Die Unvollendete» (Swedish Chamber Orchestra) | mit freundlicher Genehmigung von NAXOS]

Dur-Moll-tonale Musik artikuliert sich aber nicht nur melodisch, sondern ganz wesentlich auch durch harmonische Schlusswendungen, so genannte Klauseln oder Kadenzen. Der Musiker kann durch eine flexible Handhabung der Dynamik und des Tempos oder durch das Hervorheben gewichtiger Noten die Phrasierung eines Musikstückes verdeutlichen.

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