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14.11.2018 : 4:41 : +0100

Abenteuer Saed Haddad

Musikalische Magie [von Doris Kösterke]

Zum Titel der Werkes «Les Deux Visages de l'Orient» verweist Haddad auf das (nicht unumstrittene) Standardwerk Orientalism (1978) von Edward Said (1935-2003). Edward Said, Sohn palästinensischer Christen und Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an amerikanischen Elite-Universitäten, hat zusammen mit Daniel Barenboim das «West-Eastern Divan Orchestra» mitbegründet, das auf musikalischem Weg die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens der Völker im Nahen Osten konkretisiert.

Hauptthese seines Buches Orientalism ist, dass selbst das wissenschaftliche Bemühen des Abendlandes um den Nahen Osten primär dem Ziel gegolten habe, dem «mysteriösen» Osten die «aufgeklärte» westliche Geisteshaltung aufzuzwingen; dass also auch die Erforscher der orientalischen Gedankenwelt (ohnehin ein sinnloses Abstraktum angesichts der verschiedenen darunter subsummierten Kulturen) niemals aufrichtig versucht hätten, sie verstehen zu wollen.
In vielen Beobachtungen in Kunst und Leben sah Saed Haddad die Thesen Edward Saids bestätigt.

Er versteht sich jedoch keinesfalls als politischer Komponist: «In Les Deux Visages de l’Orient hört man keine politischen Statements sondern Klänge, die etwas über Dualität (-> Les Deux) zu sagen versuchen», äußerte er in einem Interview.
Das Heben des Blickes über konkrete Anlässe hinaus, das Weiten des Horizontes hin zu einer Ebene, in der die Widersprüche des Allzumenschlichen ohne Bedeutung sind, bezeichnet er als das wesentliche Anliegen seiner Musik. Haddad nennt es Transzendenz.

Sein Postulat «Musik ohne Transzendenz ist wertlos!» spiegelt seinen Werdegang:
Saed Haddad stammt aus einer christlichen Familie in Jordanien. Im Alter von zehn Jahren kam er an das Diözesan-Kolleg in Beit Jala, um auf die Laufbahn eines katholischen Priesters vorbereitet zu werden.
Im dortigen Internat war für die Schüler neben der Beschäftigung mit gregorianischer Musik auch Klavierspiel vorgesehen.

Arabische Musik spielte dort keine Rolle. Haddad kannte sie nur aus dem Radio. Das Interesse daran entwickelte er erst, als er in Europa war und versuchte, seine arabische Identität zu definieren, was er als «existenzielle Erfahrung» bezeichnet. Und auch, weil jemand ihm gesagt hatte, wenn er sich als arabischer Komponist bezeichnen würde, müsse man das auch hören.

Doch vor seiner Hinwendung zur Musik schloss Haddad im belgischen Leuven ein Philosophiestudium ab, das im Ausbildungsplan des Seminars dem eigentlichen Theologiestudium vorangestellt war.
Die Philosophie habe seinen Blick geschärft und vertieft, sagt Haddad. Daraus beziehe er für seine Musik Konzepte mit intellektueller, und transzendentaler Tragweite. Erinnert sei an Haddads Werktitel wie zum Beispiel L’Ethique de la Lumière (eine Anspielung auf den entsprechenden Begriff bei Emmanuel Levinas), The Sublime oder In Contradiction.

Haddads Interessensschwerpunkt lag bei Platon, Augustinus, Hegel und im Bereich der Ethik, bei Aristoteles, Schiller, Kant und besonders Jacques Derrida und Emmanuel Levinas in ihrer proto-ethischen «Inpflichtnahme durch den ‚Anderen’».
Mithin motiviert durch den Begriff des «Anderen» bei Levinas und Derrida, ist ein angemessenes Verstehen des Anderen und das Annehmen seines Andersseins ein zentrales Anliegen in Saed Haddads künstlerischem Schaffen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, selbst immer «ein Anderer» zu sein: im eigenen Land als westlicher Komponist, im Rest der Welt als Komponist Neuer Musik, der seine Wurzeln auch in der arabischen Kultur hat.

Später studierte Haddad zunächst Musikwissenschaft in Amman, dann Musikwissenschaft und Komposition in Jerusalem bei Ari Ben-Shabetai und Menachem Zur. Bereits nach seinem künstlerischen Diplom in Jerusalem bekam er zahlreiche Preise zuerkannt für Werke, die er später – selbstkritisch wie er ist – allesamt zurückgezogen hat. Seinen «PhD in composition» errang er schließlich bei George Benjamin am Londoner King’s College. Doch auch gegenüber Benjamin sieht er sich nicht als gefolgsamer Schüler. Vielmehr scheint er von vornherein eine genaue Vorstellung von dem gehabt zu haben, was er wollte: «Ich glaube daran, dass gute Musik das Physische und das Metaphysische in ein Gleichgewicht bringen muss». Hinsichtlich des Physischen, des rein Handwerklichen, sagt Haddad, habe er von Benjamin viel gelernt.

Saed Haddads Musik bietet dem Hörer eine musikalisch-handwerkliche Ebene an, die durch Analyse [undefinedvergleiche die Werkeinführung] näher beleuchtet werden kann. Zugleich jedoch gibt es auch eine musikalische Ebene, die sich spontan erschließt. Saed Haddad spricht hier von «Magie», einem Nebenprodukt der Transzendenz. Am besten solle man seine Musik sogar hören, ohne im engeren Sinne etwas «verstehen» zu wollen, ihr allein mit Offenheit begegnen: «Manche Musik öffnet Horizonte sogar gerade durch die Magie ihres Nichtverstandenwerdenkönnens».

[Diese Hinweise sind für allgemein interessierte erwachsene Laien ohne spezielle musikalische Vorbildung gedacht. Sie sollen als Anreiz und Einladung dienen, ein Musikwerk der Gegenwart, Les Deux Visages de l’Orient des 1972 in Jordanien geborenen Komponisten Saed Haddad, in einem größeren Kontext zu sehen, der dazu inspiriert und ermutigt, die Musik unbefangen auf sich wirken zu lassen.]

[Les Deux Visages de l’Orient ist ein fünfsätziges Werk für Violine solo. In einer Einspielung durch Ulrike Storz ist es auf Saed Haddads erster CD zu hören, die kürzlich vom Label WERGO und dem Deutschen Musikrat herausgebracht wurde (WERGO-CD 65782). Die Noten sind ausschließlich über Saed Haddad selbst zu beziehen (http://www.saedhaddad.com).]

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