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10.12.2019 : 1:28 : +0100

Werkanalyse «Chiffre III»

Wie die Ziffer im Titel andeutet, ist «Chiffre III» Teil eines Zyklus, der Wolfgang Rihm zunächst sieben Jahre beschäftigte: von «Chiffre I» von 1982 bis zu «Chiffre VIII» von 1988.

2004 kam er erneut auf den Zyklus zurück und führte ihn mit «Nach-Schrift (eine Chiffre» zu seinem eigentlichen Abschluss. War dem Komponisten (*1952) bei «Chiffre I» – die Ziffer wurde nachträglich verliehen – das zyklische Potenzial noch nicht klar, so rückte diese Vorstellung bei der Komposition «Silence to be beaten» (1983) aufgrund von starken, aber, wie Rihm anmerkte, gleichwohl nicht bewusst eingerichteten Anklängen an «Chiffre I» in den Fokus. Ein hoher Verwandtschaftsgrad besteht sowohl in dem aus einem ostinaten Thema hervorgegangenen Material als auch im Ausdruckscharakter. Daher erhielt «Silence to be beaten» später den Untertitel «Chiffre II», und noch im gleichen Jahr schrieb Rihm «Chiffre III» für 12 Spieler.

«Die Stücke mit dem Titel Chiffre», so Rihm, «sind Versuche, eine Musiksprache zu finden, die frei ist von Verlaufs- und Verarbeitungsvorgaben. Es geht um freie Setzung des Einzelereignisses, unherbeigeführt, folgenlos im engen Sinn – freie Fortzeugung eines Imaginationsraumes; Suche nach Klangobjekten, nach Klangzeichen, einer Klangschrift. Ein Stadium in meiner immer wieder unterbrochenen, immer wieder aufgenommenen Suche nach Musik als Zustand. Musik als Zustand von Musik.»

«Musik als Zustand von Musik» schließt aber nicht aus, dass auch außermusikalische Einflüsse direkt oder indirekt eine Rolle spielen. Wenn Rihm im Kommentar zu seiner 1977 bis 1978 komponierten Kammeroper «Jakob Lenz» von «Chiffren der Verstörung» spricht, dann deutet das bereits darauf hin, dass in seinem Verständnis von musikalischen «Chiffren» oder «Zeichen» seelisch-emotionale Sphären unmittelbar mitschwingen.

Für den «Chiffre»-Zyklus benennt er mit Franz Kafkas Erzählung «In der Strafkolonie» (1914) denn auch eine konkrete literarische Inspirationsquelle. Diese surreale und zutiefst bedrückende Geschichte über die Erläuterung und Vorbereitung einer Exekution mittels einer eigens dafür konstruierten Maschine, die dem Delinquenten das Urteil immer tiefer in die Haut einritzt, wird aber keinesfalls im Sinne von Programmmusik vertont. Wohl aber spiegelt sich auf abstrakter Ebene das Insistierende des Einritzens in den sich tief ins Bewusstsein einbrennenden (ostinaten) Klangzeichen des «Chiffre»-Zyklus wider. Für ihre existenzielle Kargheit, die wie aus Klangblöcken herausgemeißelt erscheint, standen zudem die dürren und lang gestreckten Skulpturen des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti Pate.

«Chiffre III» begreift Rihm als «kompakte Szene, absurde Ausblicke, eine Art Bündelung, viel Körper, das Schrifthafte tritt zurück, das Plastische hervor (das Ganze als muskuläres Objekt), Einsprache der tiefen Holzblasinstrumente (Lagen! Kreaturklang und Beschwörung), Tanz der Klangkörperteile. Pfiffe?»

Unterstrichen wird besagte Kompaktheit und Abgeschlossenheit dieser Szene durch ekstatische Schlagzeugakzente zu Beginn, die wie Menetekel eine bizarre Welt der Klangzeichen eröffnen. Diese verdichten sich rasch, einzelne Töne werden eindringlich wiederholt, was ans Bohrende und Obsessive gemahnt. Immer wieder verschiebt sich durch Perspektivwechsel (Nahsicht / Fernsicht etc.) der Blick auf die Zeichen, die nicht zuletzt durch eingestreute Pfiffe etwas Wesenhaftes erlangen. Im Wandel zu tänzerischem Duktus erwachen sie zum Leben, in musiktheatralischer Assoziation formieren sie sich zu imaginären Objekten oder Figuren, bis die Andeutung einer großen romantischen Geste am Ende den Vorhang schließt – nicht ohne einem kleinen Klangzeichen, womöglich auch als gedachte Überleitung zum nächsten Stück des Zyklus, das letzte Wort zu überlassen. Es spricht für Rihms intuitives Formgefühl, dass sich markante (formale) Entwicklungslinien entfalten, auch wenn, wie der Komponist betonte, die Musik im «Chiffre»-Zyklus «völlig frei aus der Phantasie-Spannung» entstand und die «Klangschrift sich selbst im Augenblick ihrer Aufzeichnung schreibt».

Egbert Hiller

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