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17.2.2019 : 10:29 : +0100

«Pflanze und Gärtner» – der Komponist Wolfgang Rihm

«Ich habe eine Wunschvorstellung von Klang, der ganz seltsam zwischen Härte und Überschwang, dröhnender Kargheit und stählerner Üppigkeit, zwischen Schroffheit und glühender Sinnlichkeit angesiedelt ist. Es sind immer diese beiden Pole, die mich magisch anziehen, und ich suche das eine im anderen. So finde ich im perkussiven Akzent, im Schlag, enorme Sinnlichkeit wieder. Im melodiösen Verströmen suche ich die Härte, die scharfe Klinge, aber die biegsame» (Wolfgang Rihm).

Hinter dem Spannungsfeld aus sensiblem Ertasten einerseits und harscher Ausdrucksintensität mit starker physischer Präsenz und ans Mythische gemahnender Klanglichkeit andererseits steht die Tendenz zur Verdichtung existenzieller Zustände und Grenzerfahrungen – eine Dimension, die in Wolfgang Rihms gesamtem Schaffen begegnet. Ungewöhnlich ist allein schon seine extrem hohe Produktivität, die er damit begründet, dass er weder als Intendant noch als Interpret in Erscheinung tritt, sondern sich, neben seinen Funktionen im Musikleben und seiner Professur für Komposition in Karlsruhe, auf das Schöpferische konzentriert.

Von Beginn an strebte Rihm, nach einer Phase der Suche und Selbstfindung, konsequent nach Selbstausdruck. Kompositionstechnisch dominierte bis in die 1990er-Jahre hinein die Fokussierung aufs Punktuelle, wie sie sich auch in dem im Wesentlichen zwischen 1982 und 1988 entstandenen «Chiffre»-Zyklus widerspiegelt. In der Setzung isolierter Klangereignisse, die sich aus eigener Kraft artikulieren, manifestierte sich für Rihm nicht zuletzt eine Freiheit in der künstlerischen Arbeit, die auch Kritik an der so genannten Avantgarde und deren Materialhörigkeit implizierte. So gehörte er Mitte der 1970er-Jahre zu einer Reihe von Tonkünstlern, die vehement ihr Unbehagen am «Materialfetischismus» der Avantgarde formulierten und stattdessen um unmittelbaren Ausdruck rangen. Provoziert hat allein schon, dass Rihm nicht davor zurückscheute, Symphonien zu komponieren und diese auch so zu nennen, wenngleich sich seine Symphonien von klassisch-romantischen Vorbildern deutlich unterscheiden.

Reaktionen darauf ließen nicht lange auf sich warten: Rihm und seine Komponistenkollegen Manfred Trojahn, Hans-Jürgen von Bose und Detlev Müller-Siemens, die sich freilich niemals programmatisch als Gruppe verstanden haben, wurden mit dem Etikett «Junge Wilde» versehen und unter den Schlagwörtern «Neue Einfachheit» und «Neue Subjektivität» zusammengefasst. Angefochten hat das Rihm und seine weitere Entwicklung indes nicht.

Expressivität und bohrende Intensität korrespondieren in seiner Musik mit einem spezifischen Formbegriff. Form fasst er nicht als vorgeprägtes Gefäß auf, in das der Klang hineingegossen wird. Sein Formempfinden ist vielmehr ein intuitives, nach dem jeder in Musik erfundene Gedanke sich seine Form selbst schafft. In jüngerer Zeit, vor allem seit dem Werkkomplex «Jagden und Formen», mit dem er sich in verschiedenen Stadien und Zuständen von 1995 bis 2008 beschäftigte, rückte er den melodischen Verlauf verstärkt in den Vordergrund. Statt punktuelle Klangereignisse zu konstituieren, orientierte er sich nun mehr an der Horizontalen, an der Strecke und mithin am Strömen- und Fließenlassen. Dieser Ansatz stellt zwar im Hinblick auf Ausdruck und Faktur einen tief greifenden Wandel dar, am Grundzug seiner Arbeitsweise hat sich jedoch nichts verändert. Nach wie vor verlässt sich Rihm gerade nicht auf Eigengesetzlichkeiten oder Vorprägungen des Materials, sondern auf rein subjektives Empfinden und künstlerische Entscheidungsfreiheit. Er betont das vom Moment abhängige Agieren – und versteht seine Werke als Organismen, die sich durch Vermittlung des komponierenden Subjekts aus sich selbst heraus entfalten sollen: «Vielleicht», so Rihm, «in einer Mischform zwischen Pflanze und Gärtner. Ich bin gleichzeitig die Pflanze und der Gärtner. Also vegetativ einerseits, andererseits auch ordnend, konzentrierend, den Wuchsformen helfend.» In diesem sich immer wieder aus sich selbst heraus erneuernden Konzept gerät zumal die Betrachtung ausgedehnter Schaffensphasen zur spannenden Entdeckungsreise.

Eingeschrieben ist Rihm aber auch das Denken in Polaritäten, das sich unmittelbar auf formale Belange auswirkt. Während sich viele seiner musikalischen «Wuchsformen» weit ausdehnen, konstruiert er im Gegenzug immer wieder auch extrem kurze Stücke: etwa in der Werkreihe «Fetzen» und in «Satelliten», die als verdichtete Energiebündel ihre Eigenständigkeit behaupten und doch über sich hinausweisen. So wird in «Zwischen den Zeilen» für Streichquartett (1991) bereits im Titel angesprochen, das der eigentliche musikalische Sinn hinter den Tönen verborgen liegt. Thematisiert ist die Sinnsuche selbst, die in aphoristischer Zuspitzung licht- und fluchtpunktartig unbekannte geistige Räume öffnet und zugleich doppelbödig über die Tradition des Streichquartetts und dessen unerschütterliches Potenzial reflektiert: «Streichquartett ist für mich», so Rihm, «ein magisches Wort, der Geheimnischarakter von Kunst schwingt darin…» – und diesem «Geheimnischarakter» spürte er in mittlerweile 13 durchnummerierten Streichquartetten und weiteren Quartettkompositionen nach.

Aber Wolfgang Rihm ist auch ein bedeutender Opern- und Liedkomponist. Immer wieder widmet er sich traditionellen Gattungen bis hin zum Oratorium («Deus Passus», 2000). Wichtiger wird zudem die Zusammenarbeit mit herausragenden Interpreten wie den Geigerinnen Anne-Sophie Mutter («Lichtes Spiel», 2009) und Caroline Widmann («Coll’Arco», 2008) sowie dem Klarinettisten Jörg Widmann («Über die Linie» II, 1999), der ein Kompositionsschüler von ihm war.

Weit greift Rihms Wissen über die Musik hinaus. Intensiv setzt er sich mit Bildender Kunst, Literatur und Philosophie auseinander, die für ihn zentrale Inspirationsquellen darstellen. Markant sind auch die teils engen Beziehungen der Stücke untereinander, die über zyklische Anordnungen hinausgehen. Seine «Wuchsformen» reagieren aufeinander, befragen sich, ganze Werkfamilien bilden sich heraus, Material wird übermalt und erscheint in veränderter Form in neuen Zusammenhängen.

So vielschichtig und vergeistigt Rihms künstlerischer Kosmos mitunter anmuten mag, so ist er doch auch den haptischen Dimensionen des Klangs und der Sinnlichkeit des Daseins sehr zugetan. Jenseits von Programmmusik transformiert er sowohl komplexe Texte von Friedrich Nietzsche als auch vermeintlich schlichte Phänomene wie Bewegung und Stillstand in Musik; zumal Letztere machen, wie Wolfgang Rihm betont, den Kern der menschlichen Existenz aus: «Das Gehen und das Innehalten sind die natürlichsten Grundgestalten musikalischen Fortschreitens. Durch sie hindurch geht allerdings der Fluss, dem alles angehört, was sich in der Zeit erstreckt. Wir bleiben stehen – hören zu – gehen weiter. Das Leben.»

Egbert Hiller

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