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18.4.2019 : 14:25 : +0200

Werkanalyse: Scene polidimensionali XV Mániákus Vonalak (Manische Linien) für sechs Klarinetten und Klavier (2008)

Wie Wolfgang Rihms «Chiffre III» ist auch Márton Illés’ Scene polidimensionali XV «Mániákus Vonalak» (manische Linien) Teil einer (umfangreichen) Werkreihe. Gemeinsam ist diesen «Szenen», die keinen Zyklus im engeren Sinne bilden, dass sie auf vielstimmigen Melodiegeflechten basieren. Mehrere Linien überlagern sich, folgen ihren eigenen Gesetzen, verdichten sich aber auf höherer Ebene zu einem komplexen Liniennetz. Hoher Abstraktionsgrad und unterschwellige «szenische» Allusionen durchdringen sich, gepaart mit einer Expressionskraft, die bis ins Exzessiv-Überspannte anschwillt. Dieses Moment ist ein prägendes Merkmal in der Musik von Márton llés (*1975), das er in Scene polidimensionali XV «Mániákus Vonalak» (manische Linien) von 2008 auf den Punkt brachte. Der im Beinamen angesprochene Aspekt des Manischen hat für den ungarischen Komponisten mit seelischen Regungen, aber auch unmittelbar mit körperlichem Ausdruck zu tun. Nicht die krankhafte psychische Veränderung ist gemeint, sondern vielmehr ein Zustand, der mit dem (Alltags-) Leben selbst korrespondiert: mit Irrungen und Wirrungen, Ängsten und Hoffnungen, dem «Wühlen» im Gedächtnis und Projektionen auf die Zukunft. Illés bohrte und «wühlte» in «Mániákus Vonalak» förmlich im Klang – worin eine Verbindung zu Wolfgang Rihms Ansatz im «Chiffren»-Zyklus besteht.

Wie aus einem Urgrund oder einer tiefen Quelle erheben sich die Stimmen und sprudeln zunächst geysirartig hervor. Rasch schleichen sich Störungen ein, als würde sich der Klangstrom stauen, ins Stocken geraten, als würde er verlegt werden, als müsste er Hindernisse überwinden und sich neue Wege suchen. Mit sechs Klarinetten und Klavier ist allein schon die Besetzung sehr ungewöhnlich – wobei im Chor der Bläser das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen einzelner und gemeinsamer Aussage zum Tragen kommt: In einem akribisch austarierten polyphonen Gewebe hängen die sechs Klarinetten jeweils ihren eigenen Gedanken nach und vereinigen sich doch zu einem schwirrenden Klangkosmos; sie schweben zwischen Unisono und Heterophonie, zwischen vollkommener Verschmelzung und aufreibender Bündelung.

Nach diesem Anfangsteil ziehen sich die Klarinetten in sich selbst zurück, und parallel dazu löst sich das Klavier rasch von Begleitimpulsen und konterkariert die Bläser mit aufblitzenden Einwürfen. Es entwickelt Eigenleben, wird zur treibenden Kraft und öffnet in völliger Unabhängigkeit lichtreflexartig Fenster zu anderen Räumen. Gerade in diesen Klangzeichen sind, bei aller Eigenständigkeit von Illés, Beziehungen zu Rihms Auffassung von Chiffren und Zeichen als musikalischem Material zu erahnen. Zugleich wird im Part des Klaviers auch das Manische deutlich, denn es verbeißt sich regelrecht, stottert und hadert, während die Klarinetten ihm in chorischer Eintracht gegenübertreten. In latenter Anlehnung an eine A-B-A-Form reißen die Bläser schließlich das Heft wieder an sich, und das Klavier kehrt zur Wahrnehmung konturierender Funktionen zurück. In dieser Verlagerung der klanglichen und ausdrucksspezifischen Balance verbirgt sich auch eine theatralische Dimension, die einerseits konfrontative Belange enthält, andererseits aber ebenso auf dem – gegenseitiges Einverständnis voraussetzenden – Vor- und Zurücktreten einzelner Elemente in einem vielschichtigen Stimmengeflecht beruht. Diese Doppelbödigkeit, die menschlichen Verhaltensweisen nachempfunden ist, wird im Klangbild extrem ausgereizt. Phasen «manischer» Verdichtung und opulenter Klangentfaltung wechseln mit Sequenzen der Ausdünnung und skelettartiger Reduktion, gleißende Fontänen alternieren mit scheuen Lichtpunkten. Hervor stechen in Scene polidimensionali XV «Mániákus vonalak» orgasmische Steigerungskurven in der Erzeugung von Intensität und das Manisch-Insistierende auf dem Feld des Motivisch-Gestischen, das sich im Beharren und Weiterkneten des musikalischen Materials niederschlägt – und noch im Versinken der «manischen Linien» suggeriert ihr Murmeln und Wühlen im Urgrund eine nie versiegende Quelle. 

Egbert Hiller

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