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15.11.2019 : 16:30 : +0100

Smooche de la Rooche

Der Titel «Smooche de la Rooche» bezieht sich auf eine Performance der mit Annesley Black befreundeten bildenden Künstlerin Hazel Meyer.

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Sport oder Musik? – «Smooche de la Rooche II»

Ensemblestücke mit variabler Besetzung sind für musikalische Experimente geradezu prädestiniert, eröffnet doch bereits die freie Wahl der zu verwendenden Instrumente schier unendliche Möglichkeiten der musikalischen Gestaltung, die frei sind von vorgeprägten kompositorischen Modellen.

In Annesley Blacks Smooche de la Rooche II für 3 athletisch begabte Schlagzeuger und Elektronik (2007) kommen noch Elemente des instrumentalen Theaters und elektronisches Zuspiel hinzu, was den experimentellen Spielraum zusätzlich erweitert. Dass es Black tatsächlich um ein für sie typisches spielerisches Erkunden der innerhalb dieses Settings gegebenen Möglichkeiten geht, darauf deutet bereits der Titel des Stücks hin, ein witziger Einfall, der «Smooche» – also schmusen, kuscheln – mit einem Fantasiewort ohne Bedeutung «Rooche« reimt und sich zudem auf eine gleichnamige Performance [s.a. rechte Spalte] der mit ihr befreundeten Bildenden Künstlerin Hazel Meyer bezieht, woraus die Ziffer II im Titel resultiert.

Etwaige Erwartungen des Publikums werden in dem Stück in vielfacher Hinsicht nicht erfüllt. So ist Smooche de la Rooche II im ersten Teil ein reines Hörstück: Der Untertitel des Stücks kündigt die Schlagzeuger als «athletisch begabt» an und verspricht damit spektakuläre, visuelle motorische Aktionen. Doch die Musiker können im ersten, mehrere Minuten dauernden Abschnitt eben gerade nicht vom Publikum gesehen werden. Sie sind entweder hinter der Bühne oder hinter einer spanischen Wand verborgen. Ihr Spiel, das sich mit Klängen vom elektronischen Zuspiel mischt, ist ausschließlich zu hören.

Zudem ist die Interpretation selbst in besonderer Weise «hörend», denn zum einen fordert Annesley Black jeden der Schlagzeuger in der Spielanweisung dazu auf, ein favorisiertes Instrument auszuwählen, dessen Klang mit einer intensiven Hörerfahrung verbunden ist und besonders gemocht wird. Wie wirkt sich solche positive Hör-Bindung an den Klang auf das Klangergebnis aus? Eine Frage, die sich bei jeder Aufführung des Stückes neu stellt. Darüber hinaus reagieren die Schlagzeuger in diesem ersten Teil von Smooche de la Rooche II hörend auf die Klänge des Zuspiels: Immer wenn sich dort die Klanglichkeit verändert, modifizieren auch die Interpreten ihr Spiel.

Erst nach dieser subtilen Ausrichtung der Wahrnehmung auf das Hören erscheinen im zweiten Teil des Stückes die Performer auf der Bühne, d.h. sie schleichen sich vielmehr buchstäblich ein, denn sie robben auf dem Boden heran – nach einer in der Spielanweisung genau vorgeschriebenen «Choreografie»“ – so als sollte unbedingt vermieden werden, dass ihr visuelles Erscheinen einem traditionellen «Konzertauftritt» gleicht.

Das ist lustig und auch ein wenig grotesk – und doch sehr genau disponiert. Der nun folgende Erwartungsbruch ist der stärkste des ganzen Stücks – denn die drei Interpreten spielen keineswegs auf Schlaginstrumenten, sondern sie produzieren ausschließlich Klänge mit einem Springseil. Black arbeitet bewusst mit dieser prägnanten Kontextverschiebung und präsentiert die drei Schlagzeuger als sportliche Seilspringer, die ihre körperlichen Aktivitäten direkt auf der Bühne oder sogar im Zuschauerraum ausführen. Damit wird die Konzertsituation in so unerwarteter Weise aufgebrochen, dass im Publikum Heiterkeit entsteht, was durchaus erwünscht ist und auf Blacks hintersinnigen Humor verweist, der viele ihrer Werke durchzieht. Zugleich bildet sich ein nicht eindeutig fassbarer Assoziationsraum, der zwischen sportlichem Wettstreit und musikalischer Darbietung oszilliert.
In ihrem Werkkommentar weist Black ausdrücklich darauf hin, dass diese Form der Darbietung auch von Verletzlichkeit geprägt ist:
«...durch das öffentliche Zurschaustellen eines Künstlers außerhalb seines eigenen professionellen Bereichs, durch das immanente Risiko zu versagen und das Ausstellen von Wettstreit durch ein Netzwerk verschiedener Spiele mit Seilen und Klängen».

Black setzt Klänge, die beim Seilspringen entstehen können, virtuos ein; dazu gehören etwa das Schwirren der Seile in der Luft oder das rhythmisierte Geräusch des Aufspringens. Den live erzeugten Klängen mischt sie elektronisches Zuspiel bei, das aus Klängen des Seils und aus Orchesterklängen generiert wurde und damit beide Sphären einander annähert. So entsteht eine kompositorisch komplexe Struktur, die auch rein musikalisch trägt – für ihre Portrait-CD hat sie das Stück umfassend neu bearbeitet und zu einem reinen Hörstück umgeformt.

In der Bühnenfassung gewinnt das Seilspringen auf der Konzertbühne eine ganz eigene Qualität. Die Gleichmäßigkeit des Pulses verleiht dem Springen etwas Rituelles. Körperliche Aktionen werden in ihrer Musikalität erfahrbar. Während in Mauricio Kagels berühmtem Sport-Klassiker Match die Spieler das «Als-Ob» eines Tennisspiels mit ihren Instrumenten nachahmen, sind es in Annesley Blacks Stück reale sportliche Aktivitäten, die musikalisiert werden. Ob es sich dabei um Sport oder Musik handelt, ist letztlich nicht zu klären und bleibt allein der Perspektive und den möglichen Perspektivwechseln der Hörer-Betrachter überlassen.

Marion Saxer

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