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21.8.2017 : 8:40 : +0200

Video: Top Spin

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Partitur: Top Spin

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[Scores: © Edicije DSS, undefinedwww.dss.si]

Vito Žuraj – Top Spin

Eine Werkeinführung von Egbert Hiller

Topspin ist die Bezeichnung für eine Schlagtechnik in Tennis und Tischtennis, bei der der Ball in einer von unten nach oben ausgeführten Schlägerbewegung gestreift wird, wodurch er einen schwer berechenbaren Effet nach vorne erhält, eine Rotation um die eigene Achse. Vito Žuraj ist selbst ein begeisterter Tennisspieler, Elemente und Bezeichnungen aus diesem Sport sind in viele seiner Werke eingegangen. Mit Tonmalerei hat Žuraj allerdings nichts im Sinn; vielmehr abstrahiert er von subjektiven Beobachtungen und spezifischen Wahrnehmungsphänomenen, die er in Klang transformiert (siehe auch «Werk und Ästhetik»).

Für das Schlagzeugtriostück «Top Spin», das Žuraj im Frühjahr 2011 komponierte und 2013 überarbeitete, hat er sich ein besonderes Setting ausgedacht. Die drei Spieler benutzen Teelöffel statt Schlägel und stehen – bzw. rotieren – um einen kleinen runden Tisch, auf dem die Instrumente für jeden Einzelnen in identischer Anordnung aufgereiht sind: drei Handtrommeln, drei Holzstäbe und drei Metallröhren in unterschiedlichen Tonhöhen. Ein rundes Schlaginstrumentarium (Žuraj) gewissermaßen. Dazu kommt, etwas abseits vom Tisch positioniert, für jeden eine an einem Gongständer aufgehängte Spring Drum, mit der durch Reiben mit dem Löffelstiel an der am Fell angebrachten Spiralfeder oder durch Schlagen auf den Trommelcorpus bizarre, ans Klopfen, Schleifen und Raunen gemahnende Geräusche erzeugt werden – ungewöhnliche Klänge mit ungewöhnlichem Anschlagsinstrumentarium.

Das Werk ist musiktheatralisch angelegt. Die drei Interpreten agieren nicht nur auf ihrem eigenen Set, sondern auch auf denen ihrer «Tischnachbarn». Passagenweise bewegen sie sich in einer ausgefeilten Choreographie um den Tisch herum, wobei Klänge und Aktionen hochvirtuos aufs Engste miteinander koordiniert sind. Dabei erklingen kreisende, auf die Rotation des mit Topspin geschlagenen Balles verweisende Tonfolgen, sich wiederholenden Loops sehr ähnlich. Eine herausgehobene Rolle nehmen die Spring Drums ein, die kontrastierende klangliche Ebenen eröffnen und auch als Signalgeber für Zäsuren fungieren. Dadurch wird, so Vito Žuraj, eine Matchsituation hervorgerufen, in der die Spieler in wechselnden Konstellationen miteinander konkurrieren und kommunizieren.

«Top Spin» beginnt sehr leise mit schlichten Repetitionsfiguren, als sollten zunächst die Schritte, mit denen die Interpreten an den Tisch herantreten, in der Musik fortgesetzt werden. Rasch verdichten sich die Strukturen zu einem komplexen polyphonen Geflecht ineinander verschlungener Linien, Akzente und «Gestalten», in dem sich die einzelnen Stimmen aufzulösen und im Kollektiv aufzugehen scheinen. Das daraus resultierende Spannungsverhältnis zwischen dem Einzelspieler und dem Trio als Gruppe oder Mannschaft zieht sich als Gratwanderung im Prinzip durch das ganze Stück, verschiebt sich aber tendenziell hin zu verstärkter Profilierung individueller Eigenheiten gegenüber dem «Teamwork». Die musikalisch-theatralischen Prozesse steigern sich bis zu einer Art Showdown, in dem die Instrumente nach und nach vom Tisch geräumt werden und einer der drei Spieler, von den beiden anderen «getäuscht», buchstäblich ins Leere läuft. 

So klangsinnlich, farbenreich und humorvoll sich «Top Spin» einerseits darstellt, so unterliegt es andererseits strenger Konstruktion, da Vito Žuraj auch in diesem Stück die musikalischen Details mittels algorithmischer Verfahren definierte (siehe auch Werk und Ästhetik). Dafür setzte er einen computergestützten «Notationsassistenten» ein, der keine seriellen Vorprägungen formuliert, wohl aber einen produktiven Gegenpol zu seinem intuitiven Zugang zum Klangmaterial bildet und dem Stück ein Gerüst gibt. 

[Egbert Hiller]

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