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19.11.2017 : 7:38 : +0100

Hörbeispiele: Produktion des ZKM | Zentrum für Kunst und Medien (©2008),  
Tonmeister Holger Stenschke

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Partitur

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CD
[Cover der CD «Caffine», Wergo und Deutscher Musikrat. Coverabbildung © Mircea Cantor]

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Luís Antunes Pena – Três quadros sobre pedra

Eine Werkeinführung von Ralph Paland

Luís Antunes Penas Komposition Três quadros sobre pedra entstand im Jahr 2008. Der Werktitel («Drei Bilder auf Stein») weist darauf hin, dass die Komposition wesentlich mit Klängen arbeitet, die mit Steinen – oder genauer gesagt: mit jeweils sechs in bestimmter Weise zugeschnittenen Granit- bzw. Keramik-Platten – erzeugt werden: Eine klangliche Reminiszenz an die portugiesische Heimat des Komponisten, die geologisch stark von Granitgestein geprägt ist. Daneben kommen auch verschiedene Schlaginstrumente sowie Zuspielungen elektronisch verarbeiteter Klänge zum Einsatz. 

Trotz ihres biographischen Bezugs sind die Três quadros sobre pedra frei von anekdotischen Elementen: Weder soll hier mithilfe der Steinklänge portugiesisches Lokalkolorit beschworen werden, noch erzählt der Komponist musikalische Geschichten im Sinne einer Programmmusik. Vielmehr wird das musikalische Material in den drei Sätzen des Werks auf je unterschiedliche Weise prägnanten musikalischen Strukturierungsprinzipien unterworfen, die ihnen zugleich einen einheitlichen musikalischen Charakter verleihen. Diesem puristischen Ansatz entsprechend, tragen die Sätze auch keine bildhaft-assoziativen Titel, sondern werden schlicht mit römischen Nummern bezeichnet. 

Quadro I, der längste Satz der Komposition, ist von langsamen, kontinuierlichen Klangprozessen beherrscht, die durch differenzierte Reibe- und Streichbewegungen auf den Granitplatten erzeugt werden. Im ersten Abschnitt werden die höher gestimmten Granitplatten mit einer weichen Bürste gestrichen. Die metallisch anmutende Klanglichkeit im zweiten Abschnitt entsteht durch das Streichen einer härteren Bürste auf den tiefer gestimmten Granitplatten. Ein neuer Klangtypus prägt den dritten Abschnitt: Diesmal werden die Granitplatten mit einem Granitstein gerieben, woraus ein aufgerauter Klang mit höherem Geräuschanteil entsteht. Das letzte Drittel des Satzes wird nicht live gespielt, sondern erfolgt als Zuspielung vorproduzierter elektroakustischer Klänge, die durch einen rascheren Wechsel geräuschhaltiger Texturen charakterisiert ist.

Ganz anders ist Quadro II gestaltet: Diesen Satz durchzieht vom Anfang bis zum Ende eine rasche, regelmäßige Pulsation aus kurzen, impulsartigen Klängen, die durch das Zusammenstoßen zweier Granitsteine erzeugt werden. Zwar ist diese Pulsation in einer taktgebundenen Notation in Form von Zweiundreißigstelnoten festgehalten, doch bleiben die metrischen Einheiten für die Hörwahrnehmung über weite Strecken irrelevant, weil sie nicht zu einer regelmäßigen Gliederung der Pulsationen im Sinne eines Betonungsschemas führen. Vielmehr entwickelt sich die Musik in einem Spannungsfeld zwischen Regularität und Irregularität, denn die mechanischen Repetitionen werden durch verschiedene Gestaltungsmittel verlebendigt – so durch unregelmäßig eingefügte Vorschlagsnoten, Überlagerungen mehrerer Schichten in unterschiedlichen Tempi sowie durch Tonhöhen- und Dichtewechsel. 

Wiederum einen anderen kompositorischen Ansatz verfolgt Luís Antunes Pena in Quadro III: Hier rückt der Komponist nun das Spektral- und Ausschwingverhalten der Klänge ins Zentrum. Zu diesem Zweck erweitert er das Instrumentarium durch weitere Schlaginstrumente – und zwar sechs unterschiedlich gestimmte Keramikplatten, Guiro/Shaker, Woodblock, Tomtom, gedämpfte Cowbell sowie vier weitere metallische Aufschlagidiophone mit unterschiedlicher spektraler Charakteristik sowie divergentem Ausschwingverhalten (großes hängendes Becken, gedämpfter chinesischer Gong, gedämpfter thailändischer Gong sowie ein chinesisches Becken).    

In gewisser Weise haben die Três quadros sobre pedra den Charakter musikalischer Etüden: Sie arbeiten jeweils mit einem scharf umrissenen Repertoire musikalischer Materialien, Formprinzipien und Gestaltungsmittel und prägen daher markante Satztypen aus: lange, langsame Klangprozesse auf der Basis von Reibebewegungen im ersten Satz, punktuelle, repetitive Strukturen auf der Basis von Schlag- und Klopfbewegungen im zweiten Satz, Farbmischungen und Ausschwingvorgänge im dritten Satz. 

Aufgrund ihrer Prägnanz und Überschaubarkeit sind diese Stücke auch im Musikunterricht erschließbar und bieten den Schülerinnen und Schülern einfache Modelle für eigene Kompositionsversuche. Darüber hinaus sind sie wunderbar geeignet, grundlegende Aspekte der Neuen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts in den Blick zu rücken:  insbesondere den Einbezug von Alltags- und Umweltgegenständen in die Klangproduktion, die Erweiterung des musikalischen Materials um geräuschhafte Klänge, die kompositorische Arbeit mit Klangprozessen und die experimentell-empirische Ausrichtung der kompositorischen Arbeit.

Eine ausführlichere Version der Analyse undefinedfinden Sie hier ›››

[Ralph Paland]

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