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14.11.2019 : 18:08 : +0100

Hörbeispiele: Produktion des ZKM | Zentrum für Kunst und Medien (©2008),  
Tonmeister Holger Stenschke

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Partitur

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CD
[Cover der CD «Caffine», Wergo und Deutscher Musikrat. Coverabbildung © Mircea Cantor]

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Werk & Ästhetik

Momentaufnahmen zwischen Alltag und Kunst
Zur Ästhetik von Luís Antunes Pena

Die meiste Musik, die ein Mensch des 21. Jahrhunderts hört, dringt aus elektronischen Schallwandlern – Lautsprechern oder Kopfhörern – an seine Ohren, und zwar unabhängig davon, ob sie ursprünglich vokal, instrumental oder elektronisch erzeugt worden ist; musikalische Erfahrung ist in der modernen Lebenswelt in der Regel medial vermittelt. Dieser Sachverhalt ist grundlegend für das kompositorische Denken von Luís Antunes Pena. Die meisten seiner Werke beziehen elektronische Mittel ein – sei es mittels elektroakustischer Zuspielungen zu live gespielten instrumental-vokalen Klängen, sei es durch live-elektronische Klangtransformationen oder sei es in der Form elektroakustischer Tonbandkompositionen. 

Damit einher geht eine Weitung des musikalischen Materials: Der Einsatz von Elektronik erlaubt Luís Antunes Pena, feinste klangliche Nuancen hörbar zu machen, die ansonsten nicht wahrnehmbar wären; er ermöglicht aber auch, jenseits genuiner Orte der Musikaufführung, jenseits des Konzertsaals und des Studios akustische Momentaufnahmen einzufangen, klangliche Fragmente aus der Alltagswirklichkeit, der Natur oder dem chaotischen Rauschen der modernen Medien sowie Zitate aus klassischer und populärer Musik einzubeziehen, die vermeintlichen Grenzen zwischen Klang und Geräusch, zwischen Musik und Nicht-Musik, Kunst und Nicht-Kunst kompositorisch infrage zu stellen. 

Luís Antunes Penas Interesse für die klangliche Wirklichkeit in ihrer ganzen Fülle geht dabei zugleich mit einer großen Offenheit für intermediale Weitungen, für Anspielungen an und Bezugnahmen auf Literatur, Film, Theater, Tanz einher – so etwa in zahlreichen Werken, die choreographische oder szenische Elemente einbeziehen oder in einer Reihe von Kompositionen, die den Titel Vermalung tragen und mit Referenzen an Werke von Ludwig van Beethoven, Wolfang Amadeus Mozart, aber auch an einen Song von John Zorn oder den Soundtrack eines Sergio-Leone-Western spielen.

Die kompositorische Erkundung der Grenzbereiche des Klanglichen führt Luís Antunes Pena immer wieder zu enger Zusammenarbeit mit ausführenden Musikern. Für den Komponisten steht der Interpret «nicht am Ende der Kreationskette», sondern «ist mittendrin». In diesem Sinne stellt ein Werk wie Três quadros sobre pedra das Resultat von Antunes Penas gemeinsamen Experimentieren mit dem Schlagzeuger Nuno Aroso dar, dem beinahe die Stellung eines Mitkomponisten zukommt; und das Stück Im Rauschen, cantabile bringt den Kontrabassisten gerade durch die minutiöse Notationsweise gezielt in Situationen spieltechnischer Überforderung, die dann zum Einfallstor für nicht genau erfassbare Nuancen und subjektive Interpretationen der Partitur werden.

Wie die Verfransung der Medien, so dient auch die Erzeugung solcher interpretatorischer Unschärfen letztlich dazu, fragile Momente der Ungewissheit musikalisch zu artikulieren – Zustände, die der Komponist selbst als „Rauschen“ bezeichnet, wobei freilich nicht nur auf das üblicherweise als «Störgeräusch» verpönte Klangphänomen angespielt, sondern auch auf den «Rausch», den ekstatischen Zustand der Entfesselung und Entgrenzung, den Luís Antunes Penas kompositorische Arbeit wie ein geheimes Zentrum umkreist.

Weitere Informationen zu Werk und Ästhetik Luís Antunes Penas sind dem Booklet zur Porträt-CD des Komponisten zu entnehmen.

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