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23.9.2017 : 7:36 : +0200
Glossar

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Paul Hindemith

(* 16.11. 1895 in Hanau, † 28.12. 1963 in Frankfurt a. M.) Paul Hindemith studierte an dem Hochschulkonservatorium Frankfurt Kontrapunkt und Komposition. Er war zunächst Ensemble-Musiker, 1915-23 erster Konzertmeister am Opernhaus Frankfurt, Bratschist im Rebner-Quartett, 1927-37 Lehrer der Meisterklasse für Komposition an der Musikhochschule Berlin. Als engagierter Förderer Neuer Musik beteiligte sich H. 1921-26 an den «Musikaufführungen zur Förderung Zeitgenössischer Tonkunst» in Donaueschingen und übernahm später mit J. Haas und H. Burkard deren Leitung. Je mehr H. durch den aufkommenden Faschismus in Deutschland behindert wurde, desto mehr wandte er sich dem Ausland zu. Ab 1935 reiste H. für längere Zeit nach Ankara, wo ihn die türkische Regierung mit der Neuorganisation des Musiklebens beauftragte. 1937 beendete er seine Lehrtätigkeit in Berlin, unternahm 1938/39 als Bratschist Konzerttourneen in die USA, um nach seiner kurzen Niederlassung in der Schweiz (1938) dorthin zu emigrieren (1946 amerikanische Staatsbürgerschaft). 1940 bekam er einen Lehrauftrag am Music-Center in Berkshire und war 1947-53 Professor an der Musikschule der Yale-Universität in New Haven. Von 1951-57 lehrte H. am Konservatorium in Zürich und kehrte 1953 in die Schweiz nach Blonay (Vaud) zurück. (Dort ist auch der Sitz der 1968 gegründeten H.-Stiftung.)

H. begann in einer Phase des sozialen und kulturellen Umbruchs zu komponieren: Reger und Debussy waren tot, die Zeit des Impressionismus und der Hochromantik im Ausklang. H.s Werke setzten Orientierungspunkte für die weitere Musikentwicklung. Als Bratschist, Lehrender und Komponist war er sich seiner Aufgaben in einer veränderten Welt bewusst. In seinen frühen Bühnenstücken und der Suite 1922 war er revolutionär, in seiner theoretischen Schrift «Unterweisung im Tonsatz» vertritt er einen konservativen Standpunkt. H. schrieb schon früh (1915) Opern, doch gelang ihm der Durchbruch zur großen Oper erst mit «Cardillac».

Vom Ethos des Komponisten H. zeugen besonders die Opern «Mathis der Maler» und «Die Harmonie der Welt». Der Rilke-Zyklus «Das Marienleben» setzt einen stilistischen Wendepunkt im Liedschaffen. H.s Werke sind durch eine strenge formale und konstruktive Anlage gekennzeichnet, ohne dogmatisch zu sein. In seinen ersten Werken wendet er sich ab vom spätromantischen Orchester. Seine Kompositionen sind durch typische Stilkriterien gekennzeichnet: Parodistische Elemente, polyphone Struktur, neuartige Harmonik. Seine Melodik ist durch Intervallketten und Quartenintervalle gekennzeichnet, seine Rhythmik und Vorliebe für kontrapunktische Formen (Fuge) gehen auf J. S. Bach zurück. Wie Schönberg, Stravinsky und Bartok löste sich H. von der Dur-Moll-Tonalität, doch anders als Schönberg lehnte er eine "Atonalität" ab und stellte eine Werteskala der zwölf chromatischen Töne auf. H. hat eine ausgeprägte Beziehung zum alten Liedgut und zum Barock. In seinen Kompositionen bedient sich H. mehrerer Formsymbole (Lied, Marsch, Passacaglia), die neben die konstruktive Ordnung seiner Musik treten. Die Frage um Tonalität und Ordnung als Garant gegen Willkür und Unsicherheit erhält in späteren Jahren eine transzendentale, philosophisch-spekulative Dimension, und H.s Tonsprache wird harmonischer und wird offener gegenüber textlicher, musikstilistisch oder religiös gebundenen Gattungen wie Motetten, Madrigalen und Messen (das lange Weihnachtsmahl). Auch wenn seine geistlichen Kompositionen nur einen geringen Teil seines Werkes ausmachen, hat seine Anschauung von der Musik als Bestandteil eines religiös gebundenen Lebens jüngere Komponisten nachhaltig beeinflußt.

Seine späten Kompositionen sind von einer genau disponierten Symbolik durchdrungen, die H.s Musik Klangdichte, Konzentration und Vergeistigung verleihen (Ludus tonalis, Apparebit, Sinfonia Serena). In der Sinfonie «Die Harmonie der Welt» gelangt der Gehorsam der Musik gegenüber den Ordnungsgesetzen der Welt zu einem Höhepunkt. Die alten Formen des Barock und der Klassik (Fuge, Kanon usw.) werden variiert und symbolischen Gestalten zugeordnet.

[aus: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band II (1990) Spalten 876-879 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz; www.bautz.de/bbkl/]