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21.8.2019 : 11:14 : +0200

Markus Hechtle: Gedanken zum Schulprojekt in Grünstadt

«…Musikunterricht als Erfahrung von Freiheit: Gibt es mehr zu wünschen?»

Als mich der Deutsche Musikrat anrief und fragte, ob ich für ein musikpädagogisches Projekt an einer Schule zur Verfügung stünde, sagte ich sofort zu, noch ohne über genauere Informationen zu verfügen. Ich erinnerte mich an die eigene Schulzeit zurück, die ich zwar, gelinde gesagt, nicht gerade mochte, die aber einmal doch interessant zu werden begann, als nämlich so genannte Projekttage eingeführt wurden, die für kurze Zeit die Möglichkeit eröffneten, Schule ganz anders zu erleben und zu definieren. An diese positiven Erfahrungen wollte ich mich halten und nun, zwanzig Jahre später, die Chance nutzen, in die Schule zurück zu kehren, wenn auch mit einem etwas mulmigen Gefühl.

Ich selbst war nur am Rande in die Vorbereitungen eingebunden, ein Team um die Lehrerin Silke Egeler-Wittmann erarbeitete ein Konzept, in dem sich die Schüler ganz praktisch mit meiner Musik screen auseinandersetzen sollten. Und so ließ ich mich überraschen, von dem, was da wohl auf die Schüler und mich zukommen würde. Die Überraschung war groß.

Ich traf auf eine Klasse, die meiner Musik offen und kritisch gegenüber trat und die keinerlei Berührungsängste zu haben schien. Die Übungen und Anleitungen, die Frau Egeler-Wittmann entwickelt hatte, wurden wie selbstverständlich angenommen, fast war ich es, der sich ein wenig verklemmt inmitten der Schüler bewegte.
Die Lehrerin erklärte die Musik nicht. Auch das hat mir von Anfang an gefallen. Alles war darauf ausgerichtet, Musik als Raum zu erleben, in dem zunächst alles erwünscht, nichts tabuisiert ist. Ein Freiraum, der nicht durch Erklärungen und Ableitungen zugeschüttet werden darf. Jede Legitimation, jede Determination nimmt etwas von den Möglichkeiten, die dem Erfinden und Empfinden von Musik innewohnen und führt zu einem verkrampften, verängstigten oder ablehnenden Verhältnis zur zeitgenössischen Musik.

Wir sprachen nie über Tonhöhen. Erst im Nachhinein ist mir das so richtig zu Bewusstsein gekommen. Vielmehr lag der Schwerpunkt auf gestischen Erfindungen, zunächst in Anlehnung an Momente aus screen, später dann in eigenwüchsigen Formen. Alles, was die Schüler erfanden und anboten war erlaubt, auch wenn es sich dabei um ungelenke Nachahmungen handelte. Aber das spielt keine Rolle. Die entscheidenden Erfahrungen können doch nur dort gemacht werden, wo Erfahrungen überhaupt erst zugelassen werden. Die Neue Musik hat oft den Fehler begangen, sich durch einen immensen Überbau zu schützen, zu legitimieren und zu verteidigen. Das schreckt viele Interessierte zu Recht ab. Gerade in Schulen dürfen solche Mechanismen nicht zum Zuge kommen, weil die erste Begegnung oft entscheidend ist, weil das dort erlebte Kunstverständnis prägend für das ganze Leben sein kann. Die Kunst ist frei. Und wenn es gelingt, die Schüler etwas von dieser Freiheit spüren zu lassen, dann ist bereits vieles gewonnen.

Stand der erste Vormittag ganz im Zeichen von Annäherung und Lockerung, war der zweite auf den Höhepunkt des Projekts konzentriert. Die Schüler sollten, aufgeteilt in drei Gruppen, in knapp zwei Stunden ein eigenes Musikstück komponieren, es in irgendeiner Form notieren und schließlich konzertant präsentieren. Wir boten unsere Hilfe an, besuchten die Gruppen, doch Hilfe war nicht erwünscht. Die Schüler arbeiteten mit einer mich frappierenden Selbstständigkeit und Disziplin. Natürlich enthielten die Kompositionen Elemente des zuvor Erprobten, darüber hinaus aber auch eigene Ideen und Konzepte. Die akustischen "Ursuppen", die da gekocht wurden, erschienen mir wie Nährlösungen, wie undomestizierte Gedankensammlungen. Ich war beeindruckt. Im Nachgespräch betonten die Schüler, dass ihnen das selbstständige Komponieren am besten gefallen habe, dass sie sich dort am wohlsten gefühlt hätten.
[Markus Hechtle]