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20.9.2019 : 11:38 : +0200

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Ausschnitt aus «L'Arlèsienne»
Suite Nr. 1, Prélude, Takt 1-89]

Slovak Philharmonic Orchestra, Antony Bramall (Conductor)
Zur Verfügung gestellt von der NAXOS Music Library.

Glossar

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Bizet: L'Arlesienne

Suiten No. 1 und 2

Im März 1872 wurde in der Presse angekündigt, dass Léon Carvalho die künstlerische Leitung des Théâtre du Vaudeville übernommen hatte, eines Pariser Theaters, das sein Repertoire nach 1860 über die ausschließliche Produktion von Vaudevilles hinaus auch auf Komödien und andere neue Stücke erweitert hatte, die neue Musik einschließen konnten. Kurz nach seiner Ernennung schlug Carvalho vor, L’Arlésienne von Alphonse Daudet (1840–97) zu inszenieren. Das Projekt wurde vom Verwaltungskomitee einstimmig gebilligt und eine öffentliche Aufführung für Anfang September 1872 angekündigt.

Im Mittelpunkt von Daudets Geschichte steht die Erzählung von Liebe und Freitod, inspiriert durch eine wahre Begebenheit, in der ein junger Verwandter des provençalischen Dichters Mistral verwickelt war. Am Anfang verliebt sich der junge Held Fréderi in ein Mädchen aus Arles und will sie heiraten. Seine Familie holt flüchtige Erkundigungen ein, um zu erfahren, ob sie eine gute Partie sei, und gibt dann ihre Zustimmung. Doch das Mädchen, das im Verlauf des Dramas nie in Erscheinung tritt, war seit zwei Jahren die Geliebte eines Pferdehüters namens Mitifio. Er hatte von den Heiratsplänen gehört, begehrt jedoch das Mädchen aus Arles noch immer und tritt mit Briefen auf den Plan, die ihr Verhältnis unter Beweis stellen. Die Hochzeit wird abgesagt und Fréderi beschließt, ein Mädchen aus dem Ort zu ehelichen, das ihn von Kindesbeinen an liebt. Kurz vor Fréderis Hochzeit erscheint Mitifio und fordert seine Liebesbriefe ein. Fréderi wird Ohrenzeuge dieses Gesprächs und gerät erneut in Verzweiflung über den Gedanken an seine Arlésienne in den Armen eines anderen. In dieser Nacht nimmt er sich durch einen Sprung vom Dachboden das Leben.

Carvalho, der zuvor das Théâtre-Lyrique geleitet hatte, schlug vor, den Ernst dieser einfachen Handlung wie in einem Melodram durch Musik zu mildern. Ein Vorspiel und Zwischenaktmusiken sollten die Stelle der instrumentalen Abschnitte einer Oper einnehmen, andere Teile des Stücks wiederum von Musik begleitet sein.

Wann genau Carvalho an Bizet mit der Bitte herantrat, diese Aufgabe zu übernehmen, ist ungewiss. Schon vor Mitte Juli 1872 war die Wahl endgültig auf Bizet als Komponist gefallen und die Rollenbesetzung der Premiere war ebenso festgelegt. Bizet schrieb die Partitur mit 27 Einzelstücken innerhalb weniger Wochen nieder, weil ihn der Text anregte, und vielleicht auch, weil es ihn reizte, für nur 26 Instrumentalisten zu komponieren – soviel, wie Carvalhos Budget hergab.

Der Premierenabend am 30. September 1872 verlief für Daudet und Bizet verheerend. Honoratioren, mit denen der Saal gefüllt war, schwatzten während der Ouvertüre und der Zwischenaktmusiken, wenngleich Bizets Menuett zwischen den Akten II und III großen Anklang fand. Daudet berichtete an Camille Bellaigue, dass sie, während der Abend sich dahinschleppte, das Gefühl hatten, als würden sie mit einem Mühlstein um den Hals ersäuft. 50 Jahre später erinnerte sich Madame Daudet, wie beim Auftritt der Mutter Renaud im III. Akt Jean-Hippolyte de Villemessant, der einflussreiche Herausgeber des Figaro, die Tür zu seiner Loge zuschmetterte und bekundete: «Wie tödlich langweilig doch all diese alten Weiber sind!» L’Arlésienne wurde nach der 19. Aufführung vom Spielplan genommen (18. Oktober 1872).

Der Musikkritiker und -wissenschaftler Arthur Pougin fand anerkennende Worte für Bizets kunstfertige Instrumentation, bezeichnete L’Arlésienneaber als ein wenig blass und monoton. Sie gebe die warmen Sonnenstrahlen der Provence nicht wieder. Außerdem beschwerte er sich darüber, dass man das provenzalische Tambourin durch eine gewöhnliche kleine Trommel (Tambour) ersetzt hatte. Im Großen und Ganzen kam Bizet jedoch wesentlich besser davon als Daudet. Ernest Reyer legte allen jungen Musikern nahe, sich die Musik anzuhören, und lobte die kultivierte Harmonik, die elegante Führung der Phrasen und die reizenden Details der Instrumentation. Johannès Weber schlug sogar vor, Bizet solle einzelne Stücke für die «Concerts populaires» herausnehmen und uminstrumentieren. Dort würde die entzückende Musik eher gewürdigt als im Vaudeville-Theater.

Bizet muss sich ziemlich beeilt haben, Webers Anregung zu folgen, denn die Uraufführung der ersten Arlésienne-Suite fand schon sechs Wochen darauf in Jules Pasdeloups Concerts populaires am 10. November 1872 statt. In jenen Wochen hat Bizet die Stücke für großes Orchester uminstrumentiert, sechs Takte für die Coda des Minuetto (Intermezzo) neu komponiert und eine geschickte Überleitung geschrieben, um die relativ unterschiedlichen Stücke Carillon (3/4-Takt) und Pastorale (6/8-Takt) miteinander zu verbinden.

Lesley A. Wright (überarbeitet)
Übersetzung: Norbert Henning