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15.10.2019 : 11:29 : +0200
[«Das ist schon ein besonderes und außergewöhnliches Publikum…» Björn Gottstein spricht mit Carsten Henning über die Arbeit mit Schülern. Bild einmal klicken, um Video zu starten. Clipdauer: 12'48'']

Carsten Hennig: «Kadenzes» und «Massen» – zwei Werke im Schulunterricht

Kadenzes eignet sich meines Erachtens in einer besonderen Weise für die Behandlung im Unterricht, da das Stück sehr charakteristisch mit vielfältigen musikalischen Gesten und semantischen Metaphern arbeitet. Mehr oder weniger sind diese Klang gewordenen Gesten und Metaphern Teil einer realen Lebenserfahrung, die selbst Schüler schon besitzen.

Der Kontext des Stückes ist also in einem gewissen Maße vertraut und bildet den Ausgangspunkt dafür, den verschiedenen Entwicklungen und Besonderheiten im Stück zu folgen.
Allen auf der CD (vgl. Spalte rechts) enthaltenen Stücken versuchte ich im Grunde, eine solche objektive Konnotation zu geben. Vereinfacht gesagt sollte meine Musik etwas mit der Welt von heute zu tun haben. Sie sollte sich mit Problematiken auseinandersetzen, die nicht nur für mich persönlich und ganz privat eine wichtige Rolle spielen, sondern die auch andere beschäftigen.

Teils bildeten rein musikalische Fragestellungen den Anlass der Komposition, wie in Aperioden mit 7 Faltungen, teils gehen die Werke von sehr komplexen Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft aus. Ich war immer davon überzeugt, dass Musik – genau so wie die zeitgenössische Bildende Kunst oder das Theater -  einen gesellschaftlichen Realitätsbezug haben muss, ja benötigt, um dem Anspruch der Gegenwärtigkeit nicht nur nachzulaufen sondern ihn auch auszufüllen.
Wie eine solche gesellschaftsrelevante Fragestellung in die Komposition hineinwirkt und welche Ebenen der Auseinandersetzung dadurch zusätzlich zu der rein musikalischen Beschäftigung mit dem Stück erschlossen werden können, möchte ich anhand des Werkes Massen für großes Orchester in neun Schritten erläutern.

Hören

(Einen Ausschnitt (4:51 – 8:22) aus Massen finden Sie im Hörraum.)
Beim Hören des Stückes Massen scheint uns eine Art klangliches Naturphänomen gegenüber zu stehen, ein vielfältiges, sehr dynamisches musikalisches Wesen, dessen Eigenschaften jedoch fasslich erscheinen.

Verständigen über wesentliche Merkmale der Musik

Über Hilfsfragen («wie viele Musiker agieren im Stück, wie viele Töne/Noten hörst Du, hörst Du eher lange oder kurze Notenwerte, wie würdest Du die musikalischen Gestalten charakterisieren, die Du gehört hast?») lassen sich grob die Merkmale des Stückes einkreisen. Die Merkmale wiederum lassen Rückschlüsse auf den Inhalt des Stückes zu.

Verständigung über Inhalt des Stücks

Aus den Punkten 1 und 2 wurde erkennbar, dass es sich bei den gehörten Phänomenen um eine große (also nicht mehr zählbare) Anzahl von Klangpunkten handelt, die sich bewegen. Solche Bewegungen großer Massen finden sich auch in der Natur wieder, etwa in Vogel – oder Fischschwärmen, die durch einen enorm schnellen Gestaltwechsel auffallen. Dieser Gestaltwandel wird durch eine sehr große Beweglichkeit der Einzelelemente erzeugt. Jedes Einzelelement scheint sich jedoch genauestens an seine Rolle in der Gesamtchoreografie zu halten.

Verständigung über Begriffe «Schönheit» und «Kollektiv»

Das Phänomen Masse ist eng gekoppelt an eine Reihe von Begriffen, die dessen Ästhetik näher charakterisieren. Die chaotischen Bewegungen der Sandkörner in einem Sandsturm reizen wahrscheinlich weniger unser ästhetisches Empfinden. Hier sind es eher die Kraft und die Unmittelbarkeit der Masseerscheinung, die beeindrucken. Einen sich am Himmel bewegenden Vogelschwarm jedoch empfinden wohl die meisten als faszinierend.

Dass kollektive Handlungen zu einem solchen ästhetischen Ausdruck finden können, ist die eine Seite. Dass dies jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist, eine andere. So soll es in diesem Teil der Verständigung darum gehen, zu klären, welche Bedingungen oder Kräfte wirksam sein müssen, damit sich kollektive Handlungen als «schön» bezeichnen lassen.

Verständigung über Prozesse der Organisation von Kollektiven/Massen

Wirken diese, die «Schönheit organisierenden» Kräfte oder Bedingungen nicht, so tritt uns eine ungeordnete oder chaotische Masse gegenüber, wie sie die bereits genannten Sand- oder Schneestürme darstellen.
Vogelschwarm und Sandsturm unterscheiden sich im Maß der Organisation der Einzelelemente, die hier noch einmal genauer diskutiert werden soll.

Schüler-Versuch

Bis hierher haben die Schüler sich ein gewisses theoretisches Vorwissen erarbeitet. Nun soll in einem Schülerversuch herausgefunden werden, wie die Prinzipien Chaos und Ordnung auf ein Kollektiv wirken.
3 Schüler bekommen die Aufgabe, jeweils den Rest der Klasse möglichst schnell aus dem Raum zu geleiten. Dazu erhalten sie drei unterschiedliche Handlungsanweisungen, mit denen sie das Versuchsziel erreichen sollen:

sehr nett und auf jeden individuell eingehend
körperlich – die Klasse hinaus weisen und führen, ohne zu sprechen
im Befehlston - kurze, laute Anweisungen, die keinen Widerspruch dulden

Auswertung des Schülerversuchs und Rückbezug auf das Musikstück «Massen»

Im Versuch wurde deutlich, dass sich eine Masse gezielt und schnell bewegen lässt, wenn das Ziel klar und deutlich artikuliert wird und sich jeder dieser Zielsetzung unterordnet.

Um Massen musikalisch zu gestalten, muss zunächst das musikalische Material so aufbereitet werden, dass sich der Eindruck einer Vielzahl von Einzelelementen herstellt. In dem Stück Massen realisierte ich das dadurch, dass die Instrumente erstens alle solistisch eingesetzt werden und zweitens, dass sie nur kurze Notenwerte spielen. Eine dritte wesentliche Komponente ist die Organisation dieses Materials in der Zeit. Um Massen darzustellen, müssen letztlich viele «Klangpixel» nacheinander auf engstem zeitlichen «Raum» erklingen. Das in der Partitur zu organisieren ist sehr aufwendig. (Partiturschau)

Den Interpreten bleibt innerhalb dieser Organisation des musikalischen Materials kaum Freiraum für eine individuelle Gestaltung ihres Parts. Sie treten – weitaus stärker noch als bei einer anders konzipierten Musik – als Individuum nicht mehr in Erscheinung.

Ableitung einer Kausalität

Es lässt sich hier eine generell wirksame Kausalität ableiten: Wenn ein Massenphänomen als faszinierend empfunden wird, muss sich das Einzelelement oder -individuum völlig unterordnen. Daraus ableitbar sind nun Konsequenzen, die gesellschaftliche Strukturen in ihrer Ausrichtung betreffen. Das Verhältnis von Individuum und Masse wird von diesen Strukturen stets besonders geprägt. So unterscheidet sich dieses Verhältnis in verschiedenen Gesellschaftsordnungen, beispielsweise in einer Diktatur oder der Demokratie.

Diskussion des Verhältnisses von Individuum und Masse / Prinzipien der Diktatur und der Demokratie

Aus den hier aufgelisteten Schritten wird deutlich, dass mit dem Stück Massen eine umfangreiche und weit reichende Diskussion um Gesellschaftsordnungen angeregt werden kann. Je tiefer dabei ein Verständnis für die musikalischen Vorgänge geweckt wird, desto größer scheint die Kompetenz der Schüler zu sein, die Übertragungen der in der Musik dargestellten Prozesse in sozialwissenschaftliche und politische Bereiche hinein nachvollziehen und beurteilen zu können.
[Vergleiche dazu auch: «Klang im Kollektiv – zu Carsten Hennig’s Massen» von Andreas Kosack im Programmheft zur Uraufführung des Werks >Empfehlungen]

[Carsten Hennig]