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20.9.2019 : 11:40 : +0200

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Symphonie Nr. 7 «Unvollendete»
in h-moll, D 759, 1. Satz, Takt 1-75]

Slovak Philharmonic Orchestra, Michael Halász (Conductor)
Zur Verfügung gestellt von der NAXOS Music Library.

Glossar

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Schubert: Symphonie Nr. 7

D 759 in h-Moll «Unvollendete»

Schubert datierte den Beginn der Partiturniederschrift seiner Sinfonie in h-Moll auf dem Titelblatt des Autographs mit dem 30. Oktober 1822. Skizzen hierzu dürften in demselben Monat entstanden sein, im Anschluss an die Vollendung der Messe in As-Dur (September 1822).

Der zeitliche Abstand der h-Moll-Sinfonie zu Schuberts frühen Sinfonien impliziert gleichzeitig eine stilistische Wende. Während die genannten Werke noch dem klassischen Sinfoniestil zuzuordnen und an der Mozart-Tradition orientiert sind, eröffnet die h-Moll-Sinfonie mit ihrer Vorwegnahme des „romantischen Lebensgefühls“ und ihrer Überlegenheit an Gehalt und Anlage allem bisher Geschaffenen die Reihe von Schuberts großen Instrumentalwerken. Zweifellos bezieht sich die Bemerkung Schuberts, er wolle sich «den Weg zur großen Sin- fonie bahnen», auf diese Entwicklung, an deren Spitze seine letzte Sinfonie, die „Große C-Dur“ von 1825, steht.

Der unvollendete Zustand umgab die Sinfonie seit jeher mit dem Nimbus des Geheimnisvollen, obgleich Schubert nicht wenige Fragmente hinterlassen hat, wie z. B. das nicht zu Ende komponierte und als «Quartett-Satz» bekannte Streichquartett in c-Moll von 1820. Keine unvollendet gebliebene Komposition hat Musiker und Musikwissenschaftler so intensiv beschäftigt wie die vorliegende. Die Vermutung, Schubert hätte das viersätzig konzipierte Werk vollendet und die fehlenden Sätze wären verloren gegangen, wurde spätestens durch Christa Landons Entdeckung der fehlenden fünf Seiten des Partiturautographs, davon eine Seite, auf der die Instrumentation abbricht und vier leere, entkräftet.

Auf dieser Theorie basieren zahlreiche Versuche, die Sinfonie nachträglich zu vervollständigen – so u. a. von Gerald Abraham, der ihr eine Zwischenaktmusik aus dem Singspiel Rosamundeunterlegte. Eine weitere Theorie behauptet, Selbstkritik hätte Schubert mitten im Scherzo, das er als minderwertig empfand, die Arbeit abbrechen lassen. Maurice J. E. Brown schließlich bringt die Komposition in Zusammenhang mit Schuberts tragischer Erkrankung an Syphilis zu Ende des Jahres 1822, welche ihn aus psychischen Gründen an einer Wiederaufnahme der Kompositionsarbeit gehindert haben soll.

Von großer Bedeutung ist auch die Berücksichtigung von Schuberts individuellem Schaffensprozess, der an Hand der erhaltenen Entwürfe nachvollziehbar ist. Wie in vielen Fällen, so auch in der Sinfonie in h-Moll, umfassen die Klavierskizzen bereits die gesamte geistige Konzeption der späteren Partiturniederschrift, die wesentlich nur eine Reinschrift darstellt.
Aus welchen Gründen Schubert auch immer die Komposition im dritten Satz abgebrochen haben mag, hätte es seiner Schaffensweise widersprochen, nachträglich Änderungen anzubringen oder die Arbeit neu aufzunehmen.

Seine Vorrangstellung nicht nur innerhalb Schuberts sinfonischem Schaffen verdankt dieses Werk neben den wunderbaren melodischen Einfällen den charakteristischen Klangfarben und der reichen Harmonik, zu deren Mitteln das Modulieren in entfernte Tonarten, der unmittelbare Wechsel von Dur und Moll und die enharmonische Verwechslung gehören.

Teresa Reichenberger