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11.12.2019 : 22:37 : +0100

[Klick auf das Bild öffnet die Partitur-Präsentation: Ausschnitt aus
dem Konzert f. Violine und Orchester,
op. 61, 3. Satz, Takt 273-360]

Slovak Philharmonic Orchestra, Kenneth Jean (Conductor)
Takako Nishizaki, Violine
Zur Verfügung gestellt von der NAXOS Music Library.

Glossar

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Beethoven: Konzert für Violine und Orchester

op. 61 D-Dur

Beethovens Violinkonzert in D-Dur gilt seit langem als eine der größten Herausforderungen des Violinkonzert-Repertoires: als Prüfstein für künstlerische Reife wie technische Meisterschaft und somit als ein Werk, das jeder Virtuose, der den Namen verdient, auf irgendeiner Sprosse seiner Karriereleiter beherrschen sollte. Mithin mag es überraschen, wenn man entdeckt, wie kühl das Werk bei seiner Uraufführung in Wien am 23. Dezember 1806 aufgenommen wurde. Womöglich war es Wunschdenken, was den Komponisten und großen Bewunderer Beethovens Carl Czerny zu dem Bericht bewog, das Konzert sei «mit grösster Wirkung produziert» worden.

Aller Wahrscheinlichkeit nach galt der Beifall eher dem Solisten, dem brillanten Franz Clement, der den überaus schwierigen und höchstwahrscheinlich vielfach korrigierten Violinpart mit großem Aplomb faktisch vom Blatt spielte und zwischen zwei Sätzen eine eigene, stupende Improvisation einfügte (bei der er offensichtlich Die Geige umgekehrt hielt). Die allgemeine Reaktion auf Beethovens Musik wird wahrscheinlich besser von einer Kritik zusammengefasst, die am 8. Januar 1807 in der Wiener Zeitung für Theater, Musik und Poesie erschien:

«Das Urtheil von Kennern […] gesteht demselben manche Schönheit zu, bekennt aber, dass der Zusammenhang oft ganz zerrissen scheine, und die unendlichen Wiederholungen einiger gemeinen Stellen leicht ermüden könnten. Es sagt, dass Beethhofen [sic] seine anerkannt grossen Talente, gehöriger verwenden, und uns Werke schenken möge, die seinen ersten Symphonien aus C und D gleichen, seinem anmuthigen Septette aus Es […].»

Diese oder vergleichbare Auffassungen scheinen vorherrschend gewesen zu sein in jenen folgenden knapp vier Jahrzehnten, in denen die Aufführungszahlen des Violinkonzerts kaum je zweistellige Ziffern erreichten. Erst als der 13jährige Joseph Joachim – der einmal einer der legendären Violinvirtuosen des 19. Jahrhunderts werden sollte – das Werk 1844 in einem Londoner Konzert unter der Stabführung Mendelssohns spielte, begann das breitere musikalische Publikum schließlich die herausragenden Qualitäten des Opus 61 zu erkennen.

Der frappierend sinfonische Verwendung von Dialog und thematischer Durchführung – im Verein mit der Dramatisierung der Beziehung zwischen Solist und Orchester – ist generell kennzeichnend für Beethovens reife Konzerte. Doch während in seinen Klavierkonzerten diese Transformation des konzertanten Stils bis zu einem gewissen Grade von Mozart vorweggenommen worden war – besonders in dessen späten Klavierkonzerten KV 466, 491 und 503 –, hat sie im Violinkonzert keine Präzedenz. Wie schwer es zu Anfang den Zuhörern auch gefallen sein mochte, dessen Größe anzuerkennen – sein Einfluss in der Folgezeit war kolossal. Mendelssohns großes e-Moll-Violinkonzert ist Beethovens Vorbild deutlich verpflichtet; man sollte nicht übersehen, dass Mendelssohn es unmittelbar nach seinem Londoner Besuch von 1844 komponierte, bei dem er jene eingangs erwähnte Aufführung des Beethoven- Konzerts dirigierte, das den Bann, der über dem Werk gelegen hatte, schließlich brach. 

Stephen Johnson
Übersetzung: Wolfgang Schlüter