Sie sind hier: Musicademy / Abenteuer Neue Musik / «SCREEN» / Markus Hechtle / Werke und Ästhetik
21.8.2019 : 11:49 : +0200

Markus Hechtle – Allgemeine Werkeinführung

Hechtles Schaffen kennzeichnet ein außergewöhnlicher Individualismus, mit dem er abseits musikästhetischer Debatten nach Orientierung und immer wieder nach Überraschungen sucht.
Sein Komponieren entspringt einer tiefen Skepsis gegenüber einem Fortschrittsdenken, das sich auf den Materialbegriff stützt. Mit dem Appell an die individuelle Verantwortung des Einzelnen arbeitet er aus atmosphärischen Zustands- und Klangvorstellungen heraus mit Tönen und Klängen, unabhängig davon, aus welchen Richtungen man sie bereits zu kennen glaubt. Eng gebunden an den Begriff der Verantwortung ist für Hechtle der Begriff des Autors, der für ihn zwingend hinter den Klanggebilden steht, ja diese überhaupt erst zum Atmen bringt.

Seine Stücke basieren auf unterschiedlichen Herangehensweisen, die meist außermusikalisch motiviert sind und keine von einer Struktur hergeleitete Dramaturgie aufweisen. Ganz unterschiedliche musikalische Parameter treten wechselweise in den Vordergrund. Oft vollzieht sich ein Ebenenwechsel abrupt, ohne Zielgerichtetheit wie etwa in «screen» (2001). Manchmal, z. B. in «Blinder Fleck» (2005) oder «Sätze mit Pausen» (2005), sind es beharrlich wiederholte Figuren in einzelnen Instrumenten oder Pausen, die statische und gleichzeitig dramatische Akzente setzen. In «Still» (2003) dominieren vordergründig schlichte und vertraute Elemente, die sich erst auf den zweiten Blick als harmonisch vertrackt und motivisch äußerst komplex entpuppen. Wenn Hechtle wie in den Stücken «Still» oder «Klage» (1999) zu Textvorlagen greift, verwendet er die Worte aufgrund ihrer Inhalte, und nicht ihrer phonetischen Bestandteile wegen, was jedoch nicht unbedingt bedeutet, dass man ihnen Wort für Wort verstehend folgen kann.

Wichtig ist ihm beim Komponieren schließlich ein kommunikativer Aspekt, der ihn besonders zum Schreiben für Ensemble anregt. Für ihn gehört die Trias Komponist – Interpret – Hörer unlösbar zusammen. Daher rührt auch seine persönliche Zurückhaltung elektroakustischer Musik gegenüber. Skepsis empfand er auch lange beim Schreiben für Soloinstrumente, so dass er mehrfach Kompositionsaufträge dieser Art ablehnte. Seine eigenen Werkkommentare haben meist nur indirekt mit Musik zu tun.
Viele Texte gleichen nahezu literarischen Prosanotizen, die von Außermusikalischem sprechen.

«Der Inhalt von Musik ist nicht Musik», so Hechtle, «bei der Frage danach kommt man schnell ins Stocken, was aber nicht das Argument dafür sein sollte, nur über das zu reden, über das sich leicht reden lässt, über Strukturen, Tonhöhen etc. Die Musik muss die Analyse übersteigen. Das gelingt nicht immer, aber es ist immer die Sehnsucht des Komponisten, dass das, was Musik auslöst, über das auf Papier Gebannte hinausgeht.»