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18.10.2019 : 13:54 : +0200

Orm Finnendahl

Werke und Ästhetik

Orm Finnendahl arbeit im Kontext zwei unterschiedlicher Spannungsfelder. Zum einen steht die Technik als Versprechen und als Desiderat im Mittelpunkt seiner Werke. Zum anderen ist der Begriff der musikalischen Logik für sein Komponieren zentral.


Unter den technischen Errungenschaften der Moderne spielt – neben dem Tonband – vor allem das Rechenmedium Computer eine herausragende Rolle, eine Maschine, der wir heute mit einer gewissen Selbstverständlichkeit begegnen. Finnendahl klopft die Maschine gewissermaßen auf ihre ästhetischen Konsequenzen hin ab, indem er Berührungspunkte zwischen rationalen und emotionalen Qualitäten sucht und die Raison d'être der Maschine schöpferisch erkundet. Er begegnet der kompositorischen Instanz Computer dabei mit einer Mischung aus Begeisterung und Skepsis. Technik wird durchaus zum Synonym für gesellschaftliche Prozesse, Kunst hingegen zum Medium, das die Welt «im Modus sinnlicher und emotionaler Erfahrung» und als «Abbild der Wirklichkeit» (Finnendahl) verständlich macht.

Da in der zeitgenössischen Musik kein universell verbindliches Kompositionssystem existiert, arbeitet Finnendahl konsequent mit Verfahren, die er der Mathematik und den Naturwissenschaften entlehnt. Besonders wichtig wurden so genannte Rekursionen, Wachstums- und Verästelungsmodelle, bei denen ein und dieselbe Regel immer wieder auf ein Ausgangsmaterial und seine Folgegenerationen angewandt wird. Zu den berühmtesten Beispielen rekursiver Modelle gehören die Fraktale, die zum Beispiel die Struktur einer Schneeflocke mit einer einzigen Regel beschreiben. Dass derartige Verfahren eine gewisse Anziehungskraft auf einen Komponisten ausüben, liegt auf der Hand. Denn das Versprechen, dass sich ein offenes, komplexes und vielschichtiges Gebilde aus einer einzigen Regel ableiten lässt, dass sich das gesamte Werk also aus einem singulären Baustein heraus entwickelt, verheißt einen hohen Grad an Homogenität und Konsistenz.

Finnendahl gibt allerdings zu bedenken, dass ein mathematisches Modell zunächst nichts als ein abstraktes Gebilde ist, das lediglich Eigenschaften der Wirklichkeit abbildet, aber nie selbst schon Schneeflocke oder Kunstwerk sein kann. Es ist deshalb eine gewisse Interpretationsleistung vonnöten, um aus einem Fraktal ein Modell der Wirklichkeit oder musikalische Zusammenhänge von künstlerischem Wert herauszulesen. Wer glaubt, man müsse nach Festlegung der Regeln nur noch einen Knopf betätigen, und das Stück schreibe sich dann von selbst, liegt also schief. Denn Finnendahl erklärt nicht die Regel, sondern sein Gehör, den subjektiven und kontingenten Erwartungshorizont, vor dem er komponiert, zur ästhetischen Instanz. Das bedeutet nun keineswegs, dass er an den errechneten Ergebnissen herumlaboriert, bis es ihm gefällt. Stattdessen werden die Regeln und das Ausgangsmaterial so lange verändert, bis ihr Zusammenwirken ein befriedigendes Ergebnis zeitigt. Finnendahl erarbeitet bis zu tausend Varianten eines Stückes, bevor er sich auf eine gültige Fassung festlegt. Dabei bewirken kleine Veränderungen des Ausgangsmaterials immense Unterschiede im Gesamteindruck eines Werks. Dadurch, dass ein- und dieselbe Regel immer wieder auf ein- und dasselbe Material angewandt wird, ist die Schlagkraft einer geringfügigen Korrektur enorm.

Stilistisch lassen sich die Werke Finnendahls schlecht fassen, und zwar in erster Linie deshalb, weil stilistische Konsistenz oft zugunsten prozessualer Konsequenz preisgegeben wird. In zahlreichen Werken leitet der Prozess stilistische Brüche ein, die zwischen einer avantgardistischen, einer minimalistischen und sgar eine popmusikalischen Anmutung changieren können. Und trotzdem lässt sich der Vorstellungshorizont beschreiben, vor dem Finnendahl seine Werke entwirft; dazu gehört ganz gewiss ein Faible für ätherische, mit erratischen Geräuschen angereicherte Klangmaterialien, die auch in den Versatzstücken im Mittelpunkt stehen.