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18.10.2019 : 8:02 : +0200

Linien und Punkte – Eigene Kompositionsversuche (Stunden 15 bis 22)

Ablauf:

Die Schülerinnen und Schüler sollen nun auf der Basis des Arbeitsblattes 4 «Komposition» in Gruppen aus drei bis vier Personen eigene kleine Stücke zum Thema «Linien und Punkte» komponieren und realisieren. Dabei sollen als Material vorwiegend Klänge und Geräusche verwendet werden, die auf Alltagsgegenständen erzeugt werden; zusätzlich können aber auch Instrumentalklänge hinzugezogen werden. Zur Verstärkung sehr leiser Klänge können auch Mikrofone, insbesondere Kontaktmikrofone auf der Basis von piezoelektrischen Elementen, hinzugezogen werden; gegebenenfalls können technikinteressierte Schülerinnen und Schüler diese preiswerten und einfach gebauten Mikrofone auch selbst zusammenbauen. 

Der Kompositionsprozess ist auf dem Arbeitsblatt in vier Phasen gegliedert: 

Am Beginn steht eine Phase des Experimentierens, bei der alltägliche Klangerzeuger gesucht und im Hinblick auf ihre klanglichen Möglichkeiten erkundet werden.

Daran schließt sich eine Phase des Ordnens an, bei der aus der Fülle des Möglichen gezielt Klangmaterialien ausgewählt und hinsichtlich ihrer musikalischen Eigenschaften skaliert werden.

Auf dieser Basis vollzieht sich die Phase des eigentlichen Komponierens, in der die Klangmaterialien verbindlich zu Strukturen und Gestalten verknüpft werden; die musikalischen Abläufe sollen dabei zumindest in rudimentärer Form auch schriftlich fixiert werden.

Abschließend werden die Kompositionen einstudiert und zur Aufführung gebracht.

Material:

  • Arbeitsblatt 4 «Komposition - Linien und Punkte»
  • Alltägliche Klangerzeuger sowie Musikinstrumente 
  • Piezo-Mikrofone und Instrumentenverstärker

Didaktisch-methodische Hinweise: 

Die vier Arbeitsphasen dienen zur groben Gliederung des Kompositionsprozesses und orientieren sich dabei an dem vom Komponisten selbst beschriebenen Vorgehen bei der Komposition der Três quadros sobre pedra. Aber selbstverständlich lässt sich kreative Tätigkeit nicht restlos formalisieren; es ist daher unproblematisch, wenn im Laufe des Arbeitsprozesses die lineare Abfolge der Schritte durchbrochen wird – sei es z.B. durch neue Experimentierphasen, sei es durch die Revision von bereits Komponiertem während der Einstudierung. 

Die Aufgabe, alltägliche Klangerzeuger aus der eigenen Lebenswelt mitzubringen, knüpft an Antunes Penas Entscheidung an, Granitsteine als Referenz an seine portugiesische Heimat zu verwenden. Wichtig ist dabei allerdings, dass dieses Klangmaterial nicht anekdotisch verwendet wird, um musikalische Geschichten aus der Heimat zu erzählen; deswegen wird als Thema der Komposition eine eher abstrakte Strukturidee vorgegeben, die die konträre Gestaltung von Quadro I und Quadro II Bezug aufgreift: Linien und Punkte. Die Erfahrung, wie aus einem mit Bedeutungen und Assoziationen besetzten Alltagsklang durch Abstufung, Skalierung, Gestaltung und Formalisierung ein eigengesetzliches künstlerisches Gebilde entsteht, ist grundlegend für das Verständnis von Kunst und Musik überhaupt. 

Die Experimentierphase kann auf den Erfahrungen aufbauen, die die Schülerinnen und Schüler im Zusammenhang mit der Realisation eines vorgegebenen Klangs sammeln konnten. Trotzdem ist es wichtig, die Schülerinnen und Schüler immer wieder zu ermuntern, sich nicht mit den nächstliegenden Klangformen zu begnügen, sondern ruhig unkonventionelle, ja «verbotene», Spielweisen auszuprobieren, um den Gegenständen möglichst vielfältiges und interessantes Klangmaterial zu entlocken. Dazu ist es hilfreich, allerlei Bürsten, Pinsel, Bögen, Schlegel etc. zur Verfügung zu stellen, mit denen die Alltagsgegenstände und die Instrumente auf unterschiedlichste Weisen zum Schwingen gebracht werden können. Nicht selten müssen die Schülerinnen und Schüler erst eine gewisse Hemmschwelle überwinden, um ein klassisches Instrument oder einen Gebrauchsgegenstand anders als gewohnt zu traktieren. Die Lehrkraft sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen – Vormachen, Ausprobieren, Lauschen…

Sind die erzeugten Klänge und Geräusche sehr leise, kann der Einsatz elektronischer Klangverstärkung sinnvoll sein: Mithilfe von Piezo-Mikrofonen kann man die mechanischen Schwingungen von Gegenständen in Tonsignale verwandeln und verstärken; dabei können die Mikrofone zugleich zur Klanganregung dienen, indem man sie beispielsweise über eine Oberfläche reibt. Technikkundige Schülerinnen und Schüler können solche Mikrofone leicht selber bauen; dazu muss nur ein Instrumentenkabel mit Klinkenstecker (6,3 mm) an eine Piezo-Scheibe gelötet werden.

Am Projekttag haben einige Schülerinnen und Schüler des Musikkurses unter Anleitung des Komponisten solche Mikrofone und auch die dazugehörigen Vorverstärker aus Elementen hergestellt, die man sehr billig in Elektronikmärkten beziehen kann. Allerdings haben wir im Zuge der praktischen Arbeit festgestellt, dass diese einfachen Mikrofone oftmals starke Störgeräusche erzeugten. Wenn man sie direkt an einen Instrumentenverstärker (Aktivbox) anschließt, benötigt man keinen Vorverstärker und kann zugleich die Nebengeräusche reduzieren. Allerdings waren die meisten Schülerinnen und Schüler mit dem Verhältnis von Arbeitsaufwand und musikalischem Effekt unzufrieden, so dass die Piezo-Mikrofone in den Eigenkompositionen letztendlich nur wenig Verwendung fanden.

Eine wichtige Voraussetzung für die eigentliche Kompositionsarbeit ist die Phase der Selektion und Ordnung des Klangmaterials. Will man Klänge und Klangfarben zum Gegenstand der Komposition machen, so sollten sie so prägnant und zugleich variabel sein, wie es beispielsweise musikalische Motive im melodischen Bereich sind. Deshalb sollen die Schülerinnen und Schüler versuchen, verschiedene Eigenschaften eines Klanges – zum Beispiel seine Rauheit, seinen Klangcharakter oder seinen zeitlichen Verlauf – in abgestufter Weise zu verändern. So können für die Klänge – in Entsprechung zu den Tonleitern im Bereich der Tonhöhe – gewissermaßen Skalen der Körnigkeit, des Klangcharakters, der zeitlichen Dauer usw. erstellt werden. Die Schülerinnen und Schüler können so versuchen, Gestaltungsweisen aus dem Bereich der Tonhöhe auf den der Klangfarbe zu übertragen; damit lernen sie zugleich, wie zwischen Klängen und Geräuschen Zusammenhänge hergestellt werden können. Darüber hinaus schafft die Skalierung des Materials erst die Möglichkeit, auch im Bereich der Klangfarbe musikalische Formideen wie Variation, Kontrast, Wiederholung bewusst und gezielt zu realisieren.

Die Notation der Kompositionsversuche dient dazu, zu verbindlichen Festlegungen zu kommen, einen Ablauf bewusst zu fixieren und damit wiederholbar zu machen. Angesichts der begrenzten Zeit des Projekts stellen allerdings die realiter erklingenden Kompositionen, nicht die niedergeschriebenen Partituren, das Hauptziel der Arbeit dar (hier bietet sich auch die Gelegenheit die Schülerarbeiten im Sinne der Notenvergabe zu bewerten). Insofern die Partituren eher die Funktion einer Erinnerungsstütze für die Aufführung des Stückes haben, dürfen sie sich durchaus auf eine rudimentäre Skizzierung des musikalischen Geschehens beschränken.  

undefinedVideos der Schülerkompositionen finden sich auf der Webseite des Gymnasiums Kerpen ›››

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