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27.9.2020 : 14:20 : +0200

Video: YOUR TURN

Huihui Cheng: YOUR TURN (2019)

Neue Vocalsolisten: Johanna Zimmer, Sopran | Susanne Leitz-Lorey, Sopran | Truike van der Poel, Mezzosopran | Martin Nagy, Tenor | Guillermo Anzorena, Bariton | Andreas Fischer, Bass

Regie: Thomas Fiedler | Illustration: Karin Kraemer |Video: SUCHER-FILM

Koproduktion von Musik der Jahrhunderte und Deutscher Musikrat gemeinnützige Projektgesellschaft mbH


Partitur

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Ästhetik

«Theatralisch erweiterte Komposition» gefällt Huihui Cheng als Oberbegriff für ihre Arbeiten, die sich ganz verschiedener Mittel bedienen. Es gibt kammermusikalische Werke, elektronische Stücke und performative Konzeptionen. Allen gemeinsam ist, dass Kommunikation ein zentrales Thema bildet: Kommunikation zwischen den Interpreten, zwischen Mensch und Maschine und mit dem Publikum. Letzteres partizipiert in manchen Stücken, steuert etwa – wie in Your smartest choice – die Musiker mit Hilfe einer Smartphone-App. Auch wenn sie nicht selbst mitspielen, sind die Rezipienten von Huihui Chengs Musik oft mehrdimensional gefordert. Etwa, wenn optische und akustische oder instrumentale und technische Mittel ineinandergreifen. In Me Du Ça für Sopran und Live-Elektronik erweitert Huihui Cheng den Resonanzkörper und zugleich das optische Erscheinungsbild der Sängerin um Schläuche, die sich wie Haare auf Medusas Kopf schlängeln. Elektronisch verstärkt, lassen sie sich anblasen oder -kratzen. In Calling sirens entpuppt sich erst allmählich eine der Musiker*innen im Kammerensemble auf der Bühne als Tänzerin, die in ihren Bewegungen und Gesten eng an deren Spielgesten gekoppelt ist. Auch die traditionellen Instrumente erscheinen dabei nicht selten wie Erweiterungen oder Verlängerungen der Körper der Interpret*innen.

Die daraus resultierenden Klänge sind bekannt und unbekannt zugleich – Archaisches und Futuristisches liegen nah beieinander, wenn die Cellistin ihr Instrument spielend durch den Raum trägt, die Saiten des Klaviers ohne Hammermechanik direkt angeregt werden oder sich die Stimme mit elektronischen Mitteln multipliziert und in einen surrealistischen Raum hinein verbreitet. Huihui Chengs Klänge erzählen so von gestern und morgen, und bei aller Komplexität der Mittel bleiben diese Erzählungen fürs Ohr transparent.

Der Wahrnehmung der Körperlichkeit und auch ganz allgemein der Klangerzeugung beim Musikmachen hilft für Huihui Cheng das Sehen. Ein Pianist, sagt sie, der ein Stück für präpariertes Klavier spielt, wird von den Hörern genau beobachtet; sie möchten am liebsten ins Klavier hineinschauen und sehen, was dort passiert, was die Klänge so besonders macht. In ihren Stücken schafft Huihui Cheng die Möglichkeit, die Klangerzeugung als transparenten (und selbst ästhetisierten) Vorgang zu erleben. Da kann es auch passieren, dass sich die Interpretin selbst in die verlängerten Klaviersaiten verwickelt – wie in Messenger für präpariertes Klavier. Performance oder Schauspiel spüren manche Interpreten auch den laut Partitur rein „instrumentalen“ Werken ab. Denn auch wenn Huihui Cheng nicht mit extra visualisierten bzw. theatralen Elementen arbeitet, sind das Spielerisch-Szenische und die körperliche Erfahrung ihren Stücken als dramaturgisches Potential eingeschrieben.

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